Die Katze, die Maus und der Fisch

Es war einmal eine süsse Maus namens Mareike. Mareike war fröhlich, sie liebte Käse und hasste Katzen. Sie arbeitete als Buchhalterin, was ihrem Naturell nicht wirklich entsprach, aber an drei Abenden in der Woche probte sie mit der Schauspieltruppe eines Amateurtheaters. Das verschaffte ihr Ausgleich. Als süsse Maus bekam Mareike immer die kleinen Rollen, die braven Mädchen oder die sanften Grossmütter. Derweil durfte sich ihre Freundin Sarah in Hexen und Bösewichten ausprobieren, was, (wie man von berühmten Schauspielern ständig zu hören bekommt), eine grössere Herausforderung ist und viel mehr Spass macht. Mareike hatte sich damit abgefunden. Sie freute sich über die Aufmerksamkeit, die ihre Freundin vom Regisseur und vom Publikum erhielt. Eine leise Stimme in ihr meldete aber gelegentlich, dass es sich bei Sarah um eine Raubkatze handeln könnte.

Die Bestätigung kam früher als gedacht. Eines Tages ging Mareike an der Tür des Regisseurs vorbei und hörte von innen ihren Namen. Die Tür war nur angelehnt, jedes Wort war zu verstehen und sie konnte nicht anders, als stehenzubleiben und zuzuhören.
«Dieses Mal spiele ich mit dem Gedanken, die Rolle der Ophelia an Mareike zu geben», sagte der Regisseur zu jemandem im Zimmer.
«Ah, ja? Das wäre aber neu», antwortete eine dunkle Stimme, an der Mareike gleich Sarah erkannte.
«Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir sie unterschätzen», erklärte der Regisseur.
«Ah, was. Mareike ist bloss eine süsse Maus. Da gibt es wenig zu unterschätzen», fauchte Sarah.
Und so bekam Sarah die Rolle der Ophelia, während Mareike eine Zofe spielen durfte, die im Original nicht einmal vorgesehen ist.

Die Proben fingen an, man traf sich jede Woche, wiederholte die Dialoge und gab sich Mühe, mit dem schwierigen Text zurechtzukommen. Einmal in der Pause gingen alle nach draussen, um die schöne Abendsonne zu geniessen. Nur Mareike blieb im Probelokal zurück, sass still am Bühnenrand und spielte gedankenverloren mit ihren Schnürsenkeln. Doch da war noch jemand, Lothar. Lothar half im Amateurtheater bei den Bühnenarbeiten oder bei anderen Aufgaben, die der Truppe zu anstrengend waren. In Wirklichkeit studierte er aber Theaterregie und wollte im Stillen Erfahrungen mit dem Betrieb sammeln. Warum sie so traurig sei, fragte er Mareike. Sie sah ihn an und erzählte ihm nach kurzem Zögern, wie sie Sarah «bloss eine süsse Maus» genannt hatte und was sich daraus ergeben hatte. Sie hatte nicht nur eine grosse Rolle, sondern auch ihre Freundin verloren, und beides schmerzte sie sehr. Ob ihr Lothar einen guten Rat geben könne.
«Ah», sagte Lothar, «ich kann dir wenig raten, ich bin nur ein kleiner Fisch.»
«Du bist kein kleiner Fisch!», widersprach Mareike. «Du hilfst hier überall und bist dir für nichts zu schade. Dabei kennst du alle Stücke auswendig, ich sehe dich manchmal, wie du den Text murmelst, während jemand auf der Bühne nicht weiss, wie es weitergeht.»
Lothar lächelte.
«Also gut», sagte er. «Komm mit mir, ich gebe dir einen Rat.»
Er führte sie zum Umkleideraum und stellte sie vor den grossen Spiegel.
«Schau dich bitte an», sagte Lothar. «Nimm dir Zeit, betrachte dich genau. Und sag mir dann, ob du eine süsse Maus siehst.»
Mareike betrachtete ihr Ebenbild. Sie sah das schmale Gesicht, die fein gezeichneten Lippen, die weichen, braunen Haare, die Hände, die etwas unschlüssig herunterhingen. Mit diesen Händen berührte sie ihre Stirn und spürte eine Kühle. Sie bedeckte ihre Augen, sodass ihr Spiegelbild nur in der Erinnerung blieb. Eine Weile stand sie da, atmete still und bewegte sich nicht. Dann öffnete sie die Augen und blickte entschlossen in den Spiegel.
«Ich bin keine süsse Maus», sagte sie zu Lothar.
«Nein», schüttelte er den Kopf. «Du bist intelligent und mutig. Du bist begabt, du machst die kleinsten Rollen interessant. Lass dich nie mehr zur süssen Maus abstempeln.»
Mareike nickte.

Die Aufnahmeprüfungen für die Schauspielakademie fanden bereits in wenigen Wochen statt, Mareike schaffte die Frist gerade noch. Umso grösser war ihr Triumph, als sie trotz der grossen Konkurrenz aufgenommen wurde und sich gleich fürs Studium einschrieb. Der Amateurtruppe hatte sie bereits am selben Abend den Rücken gekehrt, als sie mit Lothar gesprochen hatte. Lothar hatte sich auch verabschiedet, der Kontakt zwischen ihnen brach ab. Mareike studierte, übte ihre Stimme, ihren Körper, ihr Vorstellungsvermögen, lernte Texte, tanzte und sang. Nach dem Studium wurde sie ins Ensemble eines Regionaltheaters aufgenommen und spielte alle möglichen Rollen, kleinere und grössere, lustige und traurige. Das Publikum liebte sie, die Kollegen ebenso. Einige Jahre vergingen.

Eines Tages herrschte im Theater grosse Aufregung. Heute Abend käme Besuch aus der Hauptstadt, vom «Landestheater». Einige Agenten und der künstlerische Leiter reisten durchs Land und prüften die Schauspielgruppen. Wenn ihnen jemand gefalle, könne es ein Engagement in der Hauptstadt geben. Er sei übrigens ein richtiger Adler, dieser künstlerische Leiter, – erzählte man einander, – stolz, selbstbewusst, allwissend, und was er sage, das gelte ohne Einschränkung. Mareike war genauso aufgeregt wie die anderen und hoffte natürlich, dass die Agenten auf sie aufmerksam würden. Die Vorstellung verlief ohne Pannen, doch die Anspannung war fast mit Händen zu greifen. Danach standen alle hinter der Bühne und warteten, ob sich die Agenten oder der künstlerische Leiter zeigen würden.
«Vielleicht sind die schon abgereist und wir warten hier vergebens», sagte jemand.
«Nein, die kommen», widersprach ein anderer.
«Welche Rolle möchtet ihr denn offeriert bekommen?», fragte ein älterer Kollege, dessen Ambitionen sich in Grenzen hielten. Als alle bescheiden schwiegen, doppelte er nach:
«Kommt, man darf doch träumen, sagt, welche Rolle?»
«König Lear!»
«Blanche Dubois!»
«Natascha!»
«Romeo!», riefen alle durcheinander.
Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill. Mareike merkte, dass alle Augen auf etwas gerichtet sind, das sich hinter ihr befand und drehte sich um.
«Welche Rolle hast du genannt, Mareike?», fragte lächelnd Lothar, der plötzlich vor ihr stand.
«Noch keine», sagte Mareike.
«Könnte ich dich mit Ophelia zu uns locken?»
«Bist du der Adler?», fragte Mareike zurück.
Lothar lachte. «Vielleicht? Ein kleiner Fisch bin ich jedenfalls nicht mehr. Genauso wenig, wie du eine süsse Maus bist.»
Mareike brauchte nicht lang zu überlegen.
«Ja, für Ophelia komme ich gerne», sagte sie und gab ihm die Hand.

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