Es war einmal eine Frau, die beim Mondschein nicht schlafen konnte. Wenn der Mond schwach schien, konnte sie nicht schlafen. Wenn der Mond voll war, erst recht nicht. Und auch wenn er nur als dünner Strich am Himmel erschien, konnte sie nicht schlafen. Häufig schaute sie aus dem Fenster auf seine bleiche, mal schmale, mal runde Gestalt und sprach zu sich: «Ich bin mein ganzes Leben lang ein so guter Mensch gewesen. Es steht mir zu, tief und ausgiebig zu schlafen.» Der Mond hing teilnahmslos am Himmel. Und dann lag die Frau im Bett und konnte nicht schlafen. Als die Morgensonne ihre goldenen Strahlen aufs Land warf, war sie enttäuscht. Denn sie hatte wirklich Besseres verdient als das.
Eines Morgens merkte die Frau, dass das Licht draussen anders geworden war. Vielleicht war der Herbst gekommen oder der Frühling, aber der Baum vor ihrem Fenster schimmerte in tausenden Farben. Die Frau dachte daran, dass ihr ganzes Leben farblos gewesen war, schaute zum Baum, der goldig und grün und violett leuchtete, und fühlte sich betrogen. Die Bäume ihres Lebens waren alle grau und staubig gewesen. Und dieser da plusterte sich nur auf, um sie daran zu erinnern. Sie dachte an all die Menschen, die schimmernde Bäume vor ihren Fenstern hatten und es überkam sie eine grosse Traurigkeit. Denn ihr blieben die farbigen Bäume verwehrt.
Und darum machte die Frau abends die Vorhänge noch früher zu und liess die Bäume draussen. Sie mochten glühen, blühen oder Früchte tragen, das brauchte sie nicht zu sehen. Die Früchte wuchsen und baumelten prall an den Ästen. Und wenn sie ganz reif waren, zog sie die Erde zu sich. Unten konnten sie zwar keine Wurzeln schlagen, denn der Boden war mit Steinplatten gedeckt. Vielleicht aber kam der eine oder andere Vogel, trug ihre Samen weg und pflanzte sie in ferne Gärten, die bei Mondschein von lächelnden Menschen betrachtet wurden. Oder auch nicht. Vielleicht blieben die Früchte auf den Steinplatten liegen und verdarben, denn niemand wischte sie ab. Das hinterliess unschöne Flecken auf den Steinen. Darüber konnte man sich ewig ärgern. Wenn die Nächte besonders lang waren, dachte die Frau darüber nach, spürte den Ärger in sich aufkommen, wie eine warme Flut, und das lullte sie ein. Und endlich konnte sie einschlummern. Wenn auch nur kurz.

Insomnie
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