Es war in seinem Namen eingeschrieben. Nathaniel. Wer studiert Sportwissenschaften mit einem Namen wie Nathaniel? Ja, gut, Nathaniel. Aber irgendwann kam auch er zur Vernunft und erkannte seine Bestimmung: Er musste Priester werden. Denn Nathaniel bedeutet «Gott-gegeben». Und dann kam das Meer.
Nathaniel schloss sein Theologiestudium ab und übernahm die Pfarrei «Peter und Paul». Er unterrichtete den «Vertiefungskurs Dogmatik» an der Universität und schrieb Aufsätze mit Titeln wie «Trost und Trostlosigkeit in der Rezeption des Göttlichen» oder «Theologie des Segens, eine Wiederentdeckung der dogmatischen Wahrnehmung». Er war vielbeschäftigt und weithin respektiert, doch mit der Zeit befriedigte ihn das nicht mehr. Die Herausforderungen begannen sich zu nivellieren, die Tage wurden zunehmend öde. Und dann kam das Meer.
Das Meer kam in Gestalt der Ozeanologin Olivia, die eine Brille mit dicken Gläsern trug und ihre Beine nicht rasierte. Doch das waren nur Nebensächlichkeiten. Die eigentlichen Wesenszüge von Olivia waren, dass sie den Salzgehalt und die Thermodynamik der Meere auswendig kannte, dass sie mit bedingungsloser Hingabe von den marinen Organismen sprach, und dass sie zu null Prozent an Gott glaubte. Für Nathaniel war es die Herausforderung, auf die er gewartet hatte. Wenn er Olivia bekehren könnte, wäre sein Leben nicht umsonst gelebt worden. So begann er ozeanologische Publikationen zu lesen, Podcasts wie «Schichtung und Zirkulation» zu hören und Olivia an Fachvorträgen zu begleiten. Er wollte sich in sie hineindenken und verstehen, woher ihre Begeisterung kam. Nur so konnte er ihre Faktengläubigkeit durch den echten Glauben ersetzen und sie zur leuchtenden Erleuchtung führen. Olivia wiederum fand in ihm einen wissbegierigen und geduldigen Zuhörer, ein seltenes Geschenk bei den von ihr behandelten Themen. Wenn er seinen milden Blick auf sie richtete, entspannte sie sich und referierte endlos über die geschichteten Wassermassen oder den gelösten anorganischen Kohlenstoff. «Wie kann ich sie erreichen?», grübelte Nathaniel derweil. «Wie kann ich sie bloss erreichen?»
In der «Neuen Zeitschrift für katholische Theologie» fand Nathaniel einen knappen, aber gehaltvollen Beitrag, wonach das Göttliche nicht nur im grenzenlosen Äther, sondern auch in den unendlichen Tiefen des Meeres hauste. Die Menschen sollten also in beide Richtungen danach suchen. Der Autor hatte sich dafür ein geistreiches Wortspiel ausgedacht, «der göttliche Meerwert». Das ist es, dachte Nathaniel. Und rief Olivia an.
«Du möchtest mit mir über den göttlichen Mehrwert sprechen? Das klingt nach Wirtschaftsslang», sagte sie verwirrt.
«Nein! Meerwert, des Meeres höchster Wert für uns bescheidene Menschen! Es ist ein Wortspiel.»
«Aha», sagte Olivia.
«Als Mensch muss man sich in die tiefsten Tiefen des Meeres wagen, und begegnet dort nicht nur dem nassen Element, sondern auch dem unendlich Göttlichen», erläuterte Nathaniel.
«Hhm», sagte Olivia.
«Lass uns gemeinsam die Meerestiefen ergründen, Olivia!», sagte Nathaniel. «Dort wird uns bescheidenen Seelen der göttliche Meerwert entgegenströmen.»
«Das weiss ich jetzt nicht. Aber ich habe eine Forschungsreise nach Norwegen geplant. Du kannst gerne mitkommen», sagte Olivia.
«Meine Liebe, diese Vorstellung schenkt mir tiefschürfendste Befriedigung!», begeisterte sich Nathaniel.
Und dann kam das Meer.
Im norwegischen Nordmeer treffen mehrere Ströme aufeinander. Der warme salzige Nordatlantikstrom vermischt sich mit dem warmen süsseren Norwegischen Strom, der kalte arktische Ostislandstrom überlagert das eiskalte arktische Tiefenwasser und alles zusammen ergiesst sich direkt vor die Füsse der Ozeanologen in der Forschungsstation «Havstrømmen». Dort blieben Olivia und Nathaniel zwei Monate. Olivia beschäftigte sich mit den Beschleuniger-Massenspektrometern, während Nathaniel an einer Abhandlung arbeitete, die beschrieb, wie sich das Salzige mit dem Süssen, das Obere mit dem Unteren, das Wärmere mit dem Kälteren vermischt und darin das Göttliche zum Vorschein kommt. Er zeigte Olivia seinen Aufsatz in der Hoffnung, sie würde endlich begreifen, welch Köstlichkeiten sich auftun, wenn man bloss einmal die Augen von den dummen Diagrammen löst. Doch sie nickte höflich und sagte nur:
«Schön.»
«Ich will in die tiefsten Tiefen steigen!», rief Nathaniel entschlossen und konnte seinen Ärger kaum beherrschen.
«Nathaniel, wir steigen nicht mehr in die Tiefe. Das erledigen mittlerweile Roboter. Sie gelangen schnell und sicher nach unten und schnell und sicher wieder nach oben», antwortete Olivia.
«Darum geht es nicht! Ich weiss, dass dort unten der göttliche Meerwert haust. Und wenn ich ihm begegne, wirst auch du begreifen, wie unendlich das Erhabene uns Menschen zu berühren vermag», trotzte Nathaniel.
Er wollte und wollte nicht davon ablassen. Jeden Tag wiederholte er es, «Ich will den göttlichen Meerwert suchen», «Ich will den göttlichen Meerwert suchen», «Ich will den göttlichen Meerwert suchen». Schliesslich liessen sie ihn tauchen. Er bekam die neueste Taucherausrüstung, alle notwendigen Messgeräte – obwohl er sich weigerte, sie mitzunehmen, denn das Göttliche würde ihm ja den Weg weisen – aber das war eine Bedingung, nun gut, dann nahm er sie halt mit. Und versehen mit all dem Schnickschnack kippte er ordnungsgemäss nach hinten ins Wasser und verschwand.
Nathaniel kam nie zurück. Sie verloren bereits wenige Minuten nach seinem Abtauchen die Verbindung zu ihm. Sie warteten nicht lange und schickten gleich die Roboter nach unten. Man suchte mit Schallwellen und mit Scheinwerfern, das ganze Arsenal der Technik und alle verfügbaren Taucher blieben Ewigkeiten unter Wasser, doch man fand keine Spur von ihm. Olivia wurde von einer dunklen Traurigkeit ergriffen. Und dann, während sie einmal an Deck der Station stand und ins weite Meer hinausschaute, überkamen sie Zweifel. Was, wenn er unten tatsächlich seinen göttlichen Meerwert gefunden hatte? Was, wenn es die Grosszügigkeit des Göttlichen tatsächlich gab? Beweisen liess sich das nicht, aber auch ein stichhaltiger Gegenbeweis fehlte. In tiefem Zwiespalt betrachtete Olivia die Meereswellen. Und so hatte Nathaniel letztendlich sein Ziel erreicht. Hoffentlich sah er es durch die Wasserschichten hindurch.

Nathaniel und das Meer
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