Der stille Rentner

Es war einmal ein Mann namens Wilfried. Wilfried war ein kleiner Beamte in einer kleinen Abteilung einer kleinen Firma, die nichtsdestotrotz gemeinsame Rituale hochhielt. Gerade war er 65 geworden und so stand das obligate Abschiedsfest zur Pensionierung bevor. Es würde Reden und Geschenke geben und Wilfried machte sich Sorgen, denn er wurde schnell nervös, wenn er vor Menschen sprechen musste. Dann war es so weit, der Vorgesetzte sagte Dinge wie: «viel geleistet», «vermissen», «endlich Zeit für Hobbys», Wilfried sagte Dinge wie «schöne gemeinsame Zeit», «vermissen» und «endlich Zeit für Hobbys», hielt seinen Geschenkkorb am Arm, hörte zu, wie die Kollegen über Dringlichkeiten redeten, die ihm plötzlich unwichtig vorkamen, und war pensioniert.

«Endlich Zeit für Hobbys» war nicht ganz aus der Luft gegriffen. Denn ein grosses Hobby hatte Wilfried in der Tat: Er war leidenschaftlicher Bäcker. Schon früher verging zu Hause kein Sonntag ohne selbstgemachtes Brot oder Kuchen, nun hatte er viel mehr Zeit und war nicht mehr zu halten. Er rührte, er mischte, er schichtete, er rollte und knetete, seine Frau konnte sich vor Brötchen, Quiches, Kuchen und Pasteten nicht mehr retten. Eines Tages kam ihr eine Idee. Es gab doch diesen Fernsehwettbewerb für Hobbybäcker. Ob er sich denn nicht anmelden wolle, damit mehr Menschen seine Backkünste bewundern können.
«Ich und Fernsehen!», rief Wilfried aus. «Ich werde doch schon nervös, wenn ich vor den Kollegen sprechen muss!…» Er senkte den Kopf und korrigierte sich: «…musste.»
«Man wächst mit den Aufgaben», bemerkte seine Frau und ging in den Garten Unkraut jäten.

Die Idee erschien auf den ersten Blick abwegig, doch sie hatte sich in Wilfrieds Kopf eingenistet. Die Sendung mit den Hobbybäckern schaute er seit Jahren. Nie war ihm eingefallen, dass er selbst in dieser Fernsehküche stehen könnte. Doch warum eigentlich nicht? Wenn es nicht gut läuft, wird man nach Hause geschickt, so schlimm ist das auch wieder nicht. Er meldete sich an, wurde für ein Probebacken eingeladen, man beschied ihm einen «trockenen Charme» und lud ihn für die zweite Runde ein. Es war nämlich so. Die Hobbybäcker hatten unterschiedliche Typen zu repräsentieren. Die schüchterne Schönheit, der sympathische Migrant, der Paradiesvogel, die vorlaute Eingebildete etc. Und Wilfried eignete sich für einen Typus, der äusserst schwer zu besetzen war, der stille Rentner. Die Produzenten sagten, er brauche überhaupt nicht nervös zu sein, und so fand er sich am Start des Wettbewerbs wieder, bewaffnet mit einer Erdbeerschürze und einem roten Kitchen Aid.

Wilfried hatte zu Hause viel geübt, denn der Wettbewerb war nicht einfach. Jede Woche erhielt man mehrere Aufgaben, die ernst dreinschauende Juri bewertete streng und einer der Hobbybäcker schied aus. Es war entscheidend, ein grosses Repertoire an Rezepten und Techniken auswendig zu kennen und Blätterteige, Rouladen, Eclairs und Nussplätzchen aus dem Effeff zuzubereiten. Dachte Wilfried zumindest vor Beginn des Wettbewerbs. Doch als er endlich in der Fernsehküche stand und beobachtete, wie die Kamera zwischen den Backzellen manövriert wurde und der Moderator bei jedem der Bäcker hielt, um witzige Sprüche zu klopfen oder über entwaffnende Antworten zu lachen, erkannte er, dass es überhaupt nicht darum ging. Jeder der Hobbybäcker spielte eine Rolle und versuchte, sich möglichst einnehmend zu zeigen, um eine weitere Woche Sendezeit zu erhalten. Der Paradiesvogel erzählte von seinem überfüllten Kleiderschrank, die schüchterne Schönheit klimperte mit den Wimpern, die Studentin gravierte ihre Glasuren mit Zitaten von Nietzsche. Als stiller Rentner konnte Wilfried zwar sich selbst sein, doch damit erkauft man sich kaum Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, man würde ihn als ersten nach Hause schicken. Und zu seinem Erstaunen war ihm das überhaupt nicht egal! Da er das Spiel durchschaut hatte, überkam ihn plötzlich die Lust mitzuspielen. «Denk, Wilfried», sagte er zu sich, «denk nach, was finden die Leute an stillen Rentnern sympathisch?». «Stille Rentner sind hilfsbereit und haben keine Ansprüche», gab eine innere Stimme nach einer Weile als Antwort. «Ja-Wohl!» nickte Wilfried.

Von nun an war Wilfried der hilfsbereiteste, netteste und bescheidenste Bäcker in der Runde. Das fiel ihm nicht schwer, denn es entsprach seinem Naturell, doch er musste sich sehr anstrengen, dem Backen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Denn die Zeit war knapp und man musste jede Gelegenheit nutzen, um sich in seiner Rolle zu präsentieren. So lief er herum, gab Ratschläge und unterstützte, liess einmal sogar seinen eigenen Kuchen zu dunkel werden – etwas, das ihm im richtigen Leben nie und nimmer passieren konnte – nur um der schüchternen Schönheit bei ihrer Marmelade zu helfen. Und das Publikum dankte es ihm herzlich. Begeisterte E-Mails, Likes auf Instagram, endlose Kommentare auf der Homepage, Wilfried war der Liebling von Jung und Alt. Die Konkurrenz unter den Kandidaten wuchs von Woche zu Woche und es entwickelte sich eine eigenartige Dynamik. Die anderen Hobbybäcker waren nun zum grossen Teil damit beschäftigt, Wilfried keinen Anlass zur Hilfestellung zu geben, was sie aber so unter Druck setzte, dass sie immer mehr Fehler machten. Wilfried seinerseits erkannte jedes potenzielle Malheur und warnte unaufgefordert, er war gleich zur Stelle, wenn eine Torte gestützt werden musste, er teilte sein Wissen, als es darum ging, ein Rezept aus dem Gedächtnis zu backen, das sonst niemand kannte. Und sie fielen wie die Fliegen. Jede Woche stand ein Bäcker weniger in der Küche, doch Wilfried blieb. In der Finalsendung erwärmte er die geronnene Crème Pâtissière des Paradiesvogels und rettete somit dessen Dessert. Den wütenden Blick des geretteten Konkurrenten würde er sein Leben lang nicht vergessen. Genauso wie den Moment, in dem sein Name als Sieger verkündet wurde. Der stille Rentner hatte gewonnen, zum ersten Mal!

Einige Tage später sass Wilfried auf seinem Sofa und betrachtete die Trophäe. Er hörte die Vögel im Garten singen, die Tulpen überstrahlten einander mit knalligen Farben, der Frühling war da. «Streichelst du wieder deine Trophäe?», fragte seine Frau belustigt und brachte ihm die Post. Darin fand er die Gratulationskarte seines ehemaligen Vorgesetzten. «Auf weitere Backstunden im Familienkreis», las Wilfried. «Backstunden im Familienkreis, ha!» Die Karte fiel zu Boden und Wilfried lachte laut. Denn er hatte nicht nur die Trophäe nach Hause mitgenommen, sondern auch das Angebot für eine eigene Fernsehsendung. Damit er seine Backkünste mit allen teile. Wilfried presste die Lippen zusammen. Seine Backkünste hatten bis jetzt niemanden interessiert und das würde sich auch nicht ändern. Aber es war egal, sie interessierten auch ihn nicht mehr. Die Kamera, die hatte es ihm angetan. Er schloss die Augen und kam ins Träumen. Die Haare etwas länger wachsen lassen, schicke Jeans anstatt der grauen Stoffhose, Boots, von denen mit Schnürsenkeln und einem Firmenlogo auf der Seite, vielleicht eine Sonnenbrille im Haar. Für den stillen Rentner war es Zeit, etwas lauter zu werden.

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