Es war einmal ein Ehepaar, das sich bei der Arbeit kennengelernt hatte. Die Frau hiess Marta und der Mann hiess Frank. Beide hatten den gleichen Nachnamen, Meyer, sogar in der gleichen Schreibweise. Während der Verlobungszeit hörte Marta häufig, dass sie wohl vom Dilemma befreit sei, ob sie den Namen ihres Mannes übernehmen soll oder nicht. Doch ihr Dilemma war ein anderes. Sie wollte, dass man sie am Namen als verheiratet erkannte. Unter den gegebenen Umständen blieb ihr nur eine Möglichkeit: Sie musste einen Doppelnamen führen. Und so hiess ihr Mann nach der Heirat weiterhin Frank Meyer, sie aber hiess Marta Meyer-Meyer.
Die beiden arbeiteten in wechselnden Projekten und wurden immer wieder wechselnden Teams zugeteilt. Dabei ergab sich häufig, dass sie im gleichen Team sassen. Auf der anderen Seite konnte sich der oberste Chef der Firma seine Mitarbeitenden nur schwer merken. Die Projektleiter berichteten ihm regelmässig über die laufenden Projekte und er hörte immer wieder von Teams, zu denen Meyer-Meyer und Meyer gehörten. Und da er keine Ahnung hatte, wer das war, dachte er, es handle sich um drei Personen. Jedes ihrer Teams war in seinen Augen also um eine Person grösser, als es tatsächlich war, und so schien es ihm, dass sie zu träge arbeiteten. Irgendwann erklärte ihm jemand, dass die beiden verheiratet waren, er behielt im Kopf aber bloss, dass zwischen ihnen irgendeine Beziehung bestand, und meinte von da an, diese Meyer-Meyer und Meyer seien drei Brüder. Sie hiessen ja alle gleich. Aus der Erfahrung mit seinen eigenen Brüdern zu schliessen, müssten diese drei sehr zerstritten sein, das erklärte natürlich auch, warum sie beruflich so schlecht vorankamen. Nun kam eine weitere Komplikation hinzu. Die Teams, in denen Marta und Frank arbeiteten, erhielten regelmässig eine Rüge, sie seien zu langsam. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis alle zu vermeiden suchten, mit den beiden im gleichen Team zu sitzen. Als der Chef Wind davon bekam, hatte er Gewissheit. Man musste dringend etwas unternehmen! Er rief das HR an und verordnete eine professionelle Mediation für Meyer, Meyer und Meyer.
Und so fand sich eines Tages das junge Ehepaar im Warteraum der Mediatorin Regula Schranz wieder. Man hatte ihnen die Termineinladung ohne jede Erklärung geschickt, denn die Mediatorin wollte die Klienten unvorbereitet beobachten. Vorgewarnte Klienten rauften sich zusammen und man erfuhr die Wahrheit nie, das hatte sie x-Mal erlebt. Regula Schranz bat Frank und Marta in ihr Sprechzimmer, zeigte mit ausladender Bewegung auf zwei der drei vorbereiteten Stühle und begann ein Gespräch über das Wetter. Daraus ergab sich ein wunderbarer Smalltalk, die beiden berichteten liebend gerne über die Hochzeitsreise, Marta zeigte ihren Verlobungsring, alle waren sich einig, dass Rom wunderbar per Zug zu erreichen sei. Seltsam war nur, dass die Mediatorin ständig ihre Uhr konsultierte und mit verwirrtem Gesicht zur Tür hinüberschaute, als erwarte sie noch weitere Gäste. Nach 20 Minuten bedankte sie sich etwas steif und schickte die beiden nach Hause. Dem Chef schrieb sie eine E-Mail, wonach der eine Bruder aus unerklärlichen Gründen seine Frau mitgebracht hatte, während die anderen zwei nicht einmal erschienen waren.
Der Chef war entsetzt. Dass die Situation so schlimm war, hätte selbst er nicht gedacht. Es gab nur eine Lösung. Die drei durften nie mehr im gleichen Team arbeiten. Das trug er seinen versammelten Projektleitern auf, während sie auf ihren Stühlen sassen und ihm mit weit geöffneten Augen zuhörten. Jede Widerrede unterdrückte er mit erhobenem Zeigefinger. Er musste mit allen viel strenger sein, viel, viel strenger, mit allen!, dachte er im Stillen, als er wieder allein war.
Die Projektleiter blieben vor der Chefschen Tür stehen und schauten einander schweigend an. Nach einigen Seufzern liefen sie den Gang hinunter, schlossen sich in einem der hintersten Sitzungszimmer ein, machten die Fenster zu – man weiss ja, dass der Wind Gespräche weiterträgt – und begannen sich zu beraten. Dass Frank Meyer und Marta Meyer-Meyer nicht mehr zusammen eingeteilt würden, liess sich arrangieren. Aber was war mit Marta Meyer-Meyer? Sobald der Chef ihren Namen hörte, würde er meinen, dass immer noch zwei der Brüder zusammenarbeiteten. Ein anderer Name musste her, so viel war klar. Und er musste überall vorkommen, in Berichten, in Mails, im Kalender. Denn der Chef, der sonst die Geschäfte kaum im Blick behielt, stöberte manchmal aufs Geratewohl durch die Dokumentation und würde bestimmt auf die beiden «Meyer-Brüder» im gleichen Team stossen. Auf der anderen Seite durfte Marta nichts davon mitbekommen. Denn wie erklärte man der Mitarbeiterin, dass der Chef, für den sie seit acht Jahren arbeitete, sie für zwei von drei zerstrittenen Brüdern hielt? Man lockerte die Krawatten, man holte Kaffee, irgendwann wurde Pizza bestellt. Diese geheime Sitzung würde bis spät in die Nacht dauern. Ideen kamen und wurden verworfen, es wurde notiert, gezeichnet, geplant und wieder verworfen. Bis einer der jungen Projektleiter die zündende Idee bekam. Ab jetzt würden die Namen aller Mitarbeitenden nur noch als Initiale geführt. Das liess sich gut begründen: Einzelne Buchstaben sind schneller getippt, brauchen weniger Platz im Dokument und sparen Redezeit im Meeting. Und so würden weder Marta noch der Chef oder irgendjemand erfahren, welches Problem damit eigentlich gelöst wurde.
Gesagt – getan. Schon am nächsten Tag wurden alle Notizen und Einträge mit den Initialen der Mitarbeitenden versehen. So wurde aus einem Erwin Widmer – EW, aus einer Laura Dolch – LD, Frank Meyer wurde zu FM. Und Marta… Tja, das war natürlich etwas komplizierter. Mit den drei M wollte man es auf keinen Fall riskieren. Marta durfte aber auch nicht denken, ihr verheirateter Name werde nicht gewürdigt. Eine kreative Lösung musste her und der junge Projektleiter fand sie auch. Fortan hiess Marta: M&M.

Die drei Brüder
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