Das Verborgene Ich

Max wohnte mit einer Esoterikerin zusammen. In der neuen Stadt war der Wohnraum knapp und es war reines Glück, dass er in einer Bäckerei das Inserat «Suche Mitbewohner» entdeckte. Und so zog Max zu Valerie. Das Zimmer war hell und grosszügig und auch Valerie war grosszügig, doch hauptsächlich mit Ratschlägen zu Mondphasen, Energiefeldern und Visionen. Und vor allem lag ihr viel daran, Max mit seinem Verborgenen Ich zusammenzuführen. Sie meinte, Unglauben und Zweifel hielten sein Verborgenes Ich zurück und erfand jede Menge Aufgaben, um es zu erlösen. Das Zeichnen zum Beispiel.
«Du sagst immer, du kannst nicht zeichnen», fing sie an.
«Ich sage es nicht, es ist so», antwortete Max.
«Da irrst du dich. Es ist nur, weil du es nie machst», beharrte Valerie.
«Es gibt genug Leute, die es machen. Mich braucht es nicht.»
«Vielleicht braucht es dich nicht, aber du brauchst es. Einfach ausprobieren!», befiel Valerie. «Zeichne etwas, zeichne eine Blume, zeichne eine Katze!»
Und das Gespräch wiederholte sich am nächsten Tag.

«Zeichne eine Katze», «zeichne eine Katze», «zeichne eine Katze!» Wie viele Male hatte Max den Satz gehört. Eines Morgens dachte er, wenn ich endlich eine Katze zeichne, wird sie mich damit in Ruhe lassen. Der restliche Schmarrn wird natürlich bleiben, aber wenigstens in anderer Gestalt. Und so setzte er sich hin und zeichnete. Ein grosser Kreis unten, ein kleiner Kreis oben, darin zwei Augen – er gab ihnen zum Spass sogar Wimpern – ein Knopf mit drei langen Schnurbarthaaren links und rechts als Nase, zwei spitze Ohren, zwei Stäbchen innerhalb des grossen Kreises als Beine, eine nach oben gewundene Linie als Schwanz. Fertig. Max schaute seine Katze an. Sie war von einer rührenden Hässlichkeit, die Proportionen stimmten nicht, die Konturen waren uneben. Aber unter den langen Wimpern lächelten ihn ihre Augen irgendwie zutraulich an. Max brachte die Zeichnung in die Küche, wo Valerie ihre Dinkel-Tinkturen zubereitete.
«Schau, ich habe eine Katze gezeichnet», sagte er.
«Wie dankbar sie dich anschaut!», rief Valerie aus.
«Warum sollte sie dankbar sein? Sie ist nicht einmal gelungen.»
«Ah, Max, du verstehst es einfach nicht», seufzte Valerie. «Sie ist perfekt! Sie wird dich zu deinem Verborgenen Ich führen.»
Zu seinem Überdruss heftete Valerie die Zeichnung an den Kühlschrank und wandte sich wieder ihren Tinkturen zu.

Jedes Mal, wenn Max die Küche betrat, hatte er das Gefühl, dass ihn die Katze mit ihren bewimperten Augen verfolgte. Ihr Blick war jedoch nicht liebevoll wie zu Beginn. Im Gegenteil, darin schienen sich Ärger, ja sogar Wut zu spiegeln. Er versuchte den Eindruck zu ignorieren, aber das half nicht. Die Katze war eindeutig missgestimmt.
«Ich glaube, die Katze mag mich nicht», sagte er eines Tages zu Valerie.
«Natürlich» schüttelte Valerie den Kopf, «du hast vergessen, ihr einen Mund zu zeichnen.»
Sie reichte ihm den Stift und eilte davon. Es war Vollmond und sie musste dringend Haselbuchknospen pflücken.

Max zeichnete unter der Nase der Katze eine gewölbte Linie und sie begann sich zu räuspern, noch bevor er den Stift wieder abgesetzt hatte.
«Endlich! Du, Dummkopf!», rief sie immer noch hustend. «Und jetzt will ich Flügel!»
«Wozu willst du Flügel?»
«Ja, überleg doch selbst! Mit diesen zwei Stäbchen, die du mir als Beine spendiert hast. Und die zwei Kugeln, die ich darauf balancieren muss. Was denkst du, was dann passiert? Ha?»
Max zeichnete zwei grosse Schmetterlingsflügel.
«Wozu überhaupt das Ganze?», fragte die Katze mit vorwurfsvoller Stimme. «Du kannst gar nicht zeichnen. Diese Flügel jetzt auch, geht’s noch schiefer?»
«Valerie wollte keine Ruhe geben», versuchte Max zu erklären.
«Valerie ist dumm. Sie sagte auch, ich sei perfekt. Aber als sie sich einmal am Küchentisch geschminkt hat, konnte ich mich in ihrem Spiegel sehen. Perfekt ist anders, mein Freund…»
«Ich weiss, es tut mir leid. Sie sagt, du würdest mich zu meinem Verborgenen Ich führen», ergänzte Max in der vagen Hoffnung, das würde sie milder stimmen.
«Hast du ein Verborgenes Ich?», fragte die Katze.
«Ich glaube nicht.»
«Na dann?»
Die beiden schwiegen, bis endlich Max fragte:
«Was machen wir jetzt?»
«Zeichne noch ein Tier. Ich brauche Gesellschaft hier.»
«Welches Tier möchtest du denn? Noch eine Katze?»
«Um Gottes willen! Versuche es mit etwas Einfachem. Mit einem Fisch zum Beispiel. Zeichne einen Delfin, das solltest du schaffen.»
Max nahm ein Blatt Papier und zeichnete nach bestem Wissen und Gewissen etwas, das vielleicht als Delfin durchgehen konnte. Und versäumte es nicht, ihm einen grossen Mund mitzugeben. Er zeigte die Zeichnung der Katze und sie nickte:
«Es ist hässlich, aber intelligent. Zeichne ihm jetzt bitte Ohren, sonst können wir uns nicht miteinander unterhalten.»
«Aber Delfine haben keine Ohren», widersprach Max.
«Ja, haben denn Katzen etwa Flügel?»
Max gab dem Delfin zwei lange spitze Ohren und heftete es neben der Katze am Kühlschrank.

«Ein Fisch mit Ohren!», rief Valerie, als sie etwas später die Zeichnung sah.
«Es ist ein Delfin», präzisierte Max.
«Er ist perfekt!», schwärmte Valerie und Max konnte sehen, wie die Katze und der Delfin die Augen verdrehten. Der Delfin hatte übrigens nur eines, da er mit dem Profil zum Betrachter dargestellt war. Das könnte unangenehm sein und Max beeilte sich unaufgefordert, ein zweites Auge dazu zu zeichnen. Der Delfin zwinkerte zufrieden damit.
«Max, ich bin so stolz auf dich», schwärmte Valerie. «Du hast die Tür zu deinem Verborgenen Ich aufgestossen».
«Meinst du?»
«Hier», Valerie reichte ihm ein Blatt Papier. «Zeichne es. Zeichne dein Verborgenes Ich.»
«Ich kann nicht zeichnen», widersprach Max, doch Valerie liess ihn nicht ausreden.
«Damit fangen wir nicht wieder an. Zeichne jetzt!».

Max setzte sich an den Tisch und zeichnete. Ein längliches Oval als Torso, darüber ein Kreis als Kopf, im Kreis zwei Augen (mit Wimpern), eine Nase, ein grosser! lächelnder Mund, zwei grosse Ohren, die braucht man unbedingt, Haare nicht vergessen, unter dem Oval zwei dicke Säulen, wir wollen nicht riskieren, dass es mit dem Laufen nicht klappt, seitlich Arme, die geknickt waren, damit das Biegen auf jeden Fall funktioniert, je fünf lange Finger. Er betrachtete die Zeichnung. Auch wenn er sich vorgenommen hätte, schlecht zu zeichnen, wäre sein Verborgenes Ich nicht schlimmer herausgekommen. Aber dafür hatte es hoffentlich alles, was es brauchte. Max drehte die Zeichnung zur Katze und zum Delfin und sie nickten.
«Auf die Flügel verzichten wir vorläufig», sagte er und gab das Blatt Valerie, die ihn fragend ansah, aber nicht weiterbohrte.
Sie heftete das Verborgene Ich zwischen der Katze und dem Delfin und seufzte glücklich: «Es ist perfekt».

Als sie weg war, holte Max einen Spiegel und hielt es dem Verborgenen Ich entgegen. Er wollte ehrlich zu ihm sein. Danach suchte er nach Anzeichen von Unmut, aber das Verborgene Ich lächelte genauso breit wie zuvor.
«Es tut mir leid», flüsterte Max.
«Aber warum denn?», fragte das Verborgene Ich.
«Na ja, sie sagte, du seist perfekt, aber wir wissen beide, dass das nicht stimmt.»
«Ist das so?», fragte das Verborgene Ich. Seine Stimme hatte etwas angenehm Schlichtes an sich und es war weder Ironie noch Spott darin.
«Denkst du, du seist perfekt?», fragte Max erstaunt.
«Natürlich», antwortete das Verborgene Ich.
Max stutzte.
«Man muss nicht perfekt sein, um perfekt zu sein, mein Lieber», belehrte ihn das Verborgene Ich und fügte hinzu, «zeichne mir aber doch noch diese Flügel, man weiss nie.»
Max zeichnete, entfernte sich ein paar Schritte vom Kühlschrank und betrachtete seine drei Kreaturen. Irgendwie waren sie doch perfekt.

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