Liliane und Barbi

Aus Liliane war eine füllige Sekretärin geworden. Nach der gemeinsamen Lehre mit der kurzen Liebelei hatte Barbi sie aus den Augen verloren und bei der zufälligen Begegnung auf der Strasse fast nicht wiedererkannt. Zwei Kinder, erzählte sie, glücklich verheiratet, das «glücklich» kam ein wenig zu laut heraus, aber sie machte insgesamt einen zufriedenen Eindruck.
«Und du?», fragte sie.
«Ah, ich habe ein paar Abenteuer erlebt», sagte Barbi.
«Ja, das sagt ihr alle», lachte Liliane. «Ihr, Männer! Ihr geht drei Tage wandern und erzählt dann, was für Abenteurer ihr seid!»
«Eeeh…, bei mir war es etwas mehr als drei Tage wandern.»
«Soso, erzähl mal, was für Abenteuer hast du erlebt?», forderte ihn Liliane heraus.

Und Barbi erzählte. Ein Freund von ihm kannte einen Mann, der sich ein Schloss gekauft hatte. Genau, ein richtiges Schloss. Der finanziell ruinierte Vorbesitzer hatte ihm alles überlassen, inklusive eines Weinkellers mit teuren Weinen und reifem Käse, der sich tief unter der Erde befand. Barbis Freund ging hin, um sich das Schloss zeigen zu lassen, und Barbi begleitete ihn. Dabei schaffte er es in seiner linkischen Art, die anderen zu verlieren, durch die weitläufigen Gänge zu irren und zurück zum Keller zu finden, wo er sich aber doch gerne die wertvollen Weinflaschen und Käseleibe in Ruhe anschauen wollte. Die Tür schnappte hinter ihm zu und er bemerkte sofort, dass sie nur mit einem Schlüssel aufzumachen war. Niemand wusste, dass er unten war und der neue Schlossherr machte sich wenig aus Weinen. So begann für Barbi eine Zeit des Wartens, in der er sich von reifem Käse und exklusivem Bordeauxwein ernähren würde. Keine so schlechte Aussicht, zumindest kulinarisch, doch nach mehreren Wochen des Rausches wurde es Barbi langweilig. So inspizierte er seine neue Bleibe immer gründlicher und stiess auf eine fast unsichtbare Tür hinter einem der hohen Regale.

Die Tür führte zu einem langen fensterlosen Gang, der mal nach links und mal nach rechts bog und Barbi unendlich vorkam. Er lief und lief, Schritt um Schritt, Kurve um Kurve, und begann sich irgendwann ernsthaft zu fragen, ob ein Ausgang überhaupt vorhanden sei. Da fand er plötzlich eine weitere Tür und stand gleich darauf mitten in einem blühenden Garten. Etwas Schöneres hatte Barbi in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Die seltensten Pflanzen, die üppigsten Blumen, die edelsten Kompositionen aus Grün und Bunt, aus niedrig und hoch, aus Wegen und Brunnen erstreckten sich über Hügel und Täler. Bezaubert spazierte Barbi herum, bis er einem erstaunten und – wie ihm schien – ein wenig erzürnten Gärtner begegnete. Wie hätte Barbi den Weg hierher gefunden? Und warum erlaube er sich überhaupt, diesen geheimen Ort zu betreten? Barbi erzählte seine Geschichte und der Gärtner teilte ihm im Gegenzug mit, dass die Gärten dem alten Schlossherrn gehörten. Dieser habe sie heimlich für sich behalten und komme ab und zu vorbei, um ihre Schönheit zu geniessen. Der einzige Weg hinein und wieder hinaus (nebst dem Gang zurück zum Schloss) sei ein unterirdischer Zug, der direkt zum neuen Wohnort des vormaligen Besitzers fahre. Wenn er also hier wegwollte, musste Barbi diesen Zug nehmen.

Der Zug fuhr Tag und Nacht, wie lange, konnte Barbi nicht sagen, da die Zeit unter der Erde schwer zu messen ist. Irgendwann ging es wieder nach oben und der Zug hielt an. Barbi war in Island. Wie es sich herausstellte, war der ehemalige Schlossbesitzer alles andere als finanziell ruiniert. Denn er hatte einen schönen Teil seines Vermögens auf ein Schweizer Geheimkonto gerettet und lebte nun in Island in Saus und Braus. Er hatte seinen Namen zu Jón Jónsson geändert, eine Frau gefunden und eine Tochter bekommen, Kristín Jónsdóttir. Diese Kristín war bildschön und verliebte sich umgehend in den Neuankömmling mit den dunklen Augen. Die beiden heirateten und bekamen Drillingsmädchen. Alle drei entwickelten sich zu begabten Pianistinnen, es war aber noch zu früh, um zu sagen, ob sie eine Weltkarriere machen würden oder nicht. Zwillingsduos, geschweige denn Drillingstrios sind im Musikbetrieb sehr begehrt, so viel stand schon mal fest, aber die Kinder waren noch jung. Die Zeit würde es zeigen.

Nun war Barbi für einen kurzen Besuch in die Heimat zurückgekehrt, denn sein Vater verkaufte das Haus, um eine Alterswohnung zu beziehen und brauchte seine Hilfe.
«Und das alles soll ich dir glauben?», fragte Liliane nach einer kurzen Pause.
«Ob du es glaubst oder nicht, ist deine Entscheidung.»
Liliane musterte Barbi. In der Tat war sein Anzug aus einem feinen und offensichtlich teuren Stoff, der Passform nach sicher massgeschneidert. Seine Frisur, seine Schuhe, der Ehering, auf dem ein winziger, aber sehr reiner Brillant funkelte. Alles war aussergewöhnlich und exklusiv. Sollte seine Geschichte doch wahr sein?
«Nun muss ich aber gehen, ich habe die Umzugsfirma auf 10 Uhr bestellt», sagte Barbi, dem es offensichtlich wenig daran lag, Liliane zu überzeugen. «Mach’s gut, Liliane», winkte er freundlich.
«Du auch», antwortete Liliane und schaute ihm eine Weile nach. Später dachte sie immer wieder an ihn und stellte sich sein Leben in Island vor, mitten in der wilden Natur, voll Luxus und Prunk. Und immer wieder befragte sie das Internet nach erfolgreichen Drillingstrios auf dem Klavier, schade, hatte sie vergessen, nach den Namen zu fragen. Bis jetzt fand sie nichts, aber die Kinder mussten ja noch wachsen.

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