Es war einmal ein Gitarrenlehrer namens Ignazio. Ignazio spielte gerne die Gitarre, aber er hasste es zu unterrichten, was für einen Gitarrenlehrer eine ungünstige Lage ist, denn dazu gehört beides: Gitarre spielen und Gitarre unterrichten. Ignazio war an einer Musikschule angestellt und es bestand wenig Aussicht, dass er seinen Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen würde. Darum ging er jeden Nachmittag ins ihm zugeteilte Zimmer W3 im 3. Stock und schaute ergeben zu, wie die Schüler einer nach dem anderen durch die Zimmertür hinein und nach dem Unterricht wieder hinaus gingen.
Das Zimmer W3 im 3. Stock hatte eine Tücke. Im elektronischen Zimmerreservierungssystem der Musikschule ergab sich durch die Kombination der zwei Dreien eine Störung, sodass das Zimmer immer wieder als frei angezeigt wurde, obwohl es eigentlich für Ignazio reserviert war. Das war nicht zuletzt deswegen tückisch, weil die Musikstudenten der nahegelegenen Hochschule die Erlaubnis hatten, in den freien Räumen der Musikschule zu üben. Sie prüften das elektronische Reservierungssystem, stellten fest, dass das Zimmer W3 im 3. Stock frei war, und stürmten voller Tatendrang Ignazios Unterricht mitten in der Stunde. Gerade hatte er es einigermassen geschafft, einer Schülerin die korrekte Tonfolge beizubringen, schon flog die Tür auf und im Zimmer stand ein Jüngling samt Posaunenkoffer und verständnislosem Gesichtsausdruck. Es entwickelten sich gehässige Streitereien, das Zimmer sei frei, nein das Zimmer sei reserviert und so weiter, der Student musste endlich das Feld räumen, die kurzen Erfolgsmomente des Unterrichts waren jedoch vorbei. Danach produzierte die Schülerin nur noch die schiefsten Akkorde.
Ignazios Schwager war Informatiker. Als er eines Sonntags von Ignazio die Situation vorgejammert bekam, schlug er vor, sich ins Reservierungssystem der Musikschule einzuhacken und das Zimmer W3 im 3. Stock einfach für immer zu sperren. «Kann man das?», fragte Ignazio. «Natürlich kann man das», antwortete der Schwager und nahm sich ein zweites Stück vom Apfelkuchen. Am nächsten Tag hackte er sich ins System ein und programmierte es so, dass bei einer Abfrage sämtliche Zimmer angezeigt wurden ausser W3 im 3. Stock. Es folgten Tage der Ruhe. Ignazio konnte seinen Schülern Anweisungen geben, ohne unterbrochen zu werden. Wenn sie eine längere Etüde spielten, konnte er ungestört aus dem Fenster schauen und von Wandertouren und Pilzsammeln träumen. Doch es stellte sich ein unerwünschter Nebeneffekt ein. Die Schüler, bis anhin gewohnt, dass ihre Stunde ein Flickenteppich aus Musik und Streitereien darstellte, begannen Fragen zu stellen und Ignazio in einer Weise zu beanspruchen, die mehr mit Unterrichten zu tun hatte, als ihm lieb war. Als er einige Sonntage später seinem Schwager wieder begegnete, musste er zugeben, dass die Situation für ihn noch unangenehmer geworden war. Die Störenfriede kamen zwar nicht mehr. Aber die Schüler benahmen sich irgendwie fordernd und musizierten insgesamt für seinen Geschmack viel zu ausgiebig. «Könnte man wohl den Eingriff wieder rückgängig machen?», fragte Ignazio. «Natürlich kann man das», antwortete der Schwager und nahm sich ein zweites Stück vom Apfelkuchen.
Am nächsten Tag hackte sich der Schwager erneut ins System ein, um es in seinen vormaligen Zustand zu versetzen. Das war jedoch nicht ganz einfach. Eine Störung beheben, das konnte man leicht. Aber eine Störung wiederherstellen, da war der Erfolg nicht garantiert. Der Schwager programmierte nach bestem Wissen und Gewissen, behielt aber ein paar Zweifel, die er fairerweise mit Ignazio teilte. Doch sieh da, alles schien so herauszukommen wie geplant. Das Zimmer W3 im 3. Stock wurde den nichtsahnenden Studenten wieder als frei dargeboten mit den wie immer folgenden Enttäuschungen und Auseinandersetzungen. Ignazios Unterricht wurde wieder regelmässig gestört, doch mittlerweile sah er die gute Seite darin.
Ganz glatt funktionierte die Sache jedoch nicht. Obwohl man es nicht bemerkte, hatte sich die Störung im ganzen elektronischen System der Schule ausgebreitet. Selten, aber regelmässig spukte es nun überall: in der Jahresplanung, bei der Namensverwaltung, in Rechnungen. Dass Informationen und Dokumente verschoben waren oder verschwanden, fiel nur der verpeilten Sekretärin Tanja auf, die diese Beobachtung tunlichst für sich behielt, denn das könnte durchaus auch daran liegen, dass sie während der Arbeit mit Vorlieb die Klatschspalte der Regionalzeitung las. Von jemand anderem bemerkt wurde die Störung erst ein halbes Jahr später, als das Jahreskonzert der Musikschule anstand. Das Konzert war der Höhepunkt des Jahres. Die ehrgeizigsten Lehrer meldeten ihre ehrgeizigsten Schüler an, um deren Fortschritte zu demonstrieren. In diesem Jahr aber löschte die Störung einen der Namen auf der Liste und ersetzte ihn mit dem alphabetisch nachfolgenden Namen im System. Und wie es sich traf, war dies ein Schüler von Ignazio: Toni. Toni war nicht Ignazios schwächster Schüler. Nein, nein, keineswegs. Sämtliche Schüler von Ignazio waren ausserordentlich schwach, sodass die Wahl eines jeden von ihnen einer Katastrophe glich. Als Ignazio die Liste sah, rannte er ins Sekretariat und begann eine Diskussion mit Tanja. Diese meinte jedoch, die Auswahl käme nicht von ihr und sie könne nichts dafür. Im Übrigen war das Programm bereits gedruckt und die teuren Plakate schon draussen aufgehängt. Es war nichts zu machen. Toni musste am Konzert auftreten.
Ignazio analysierte die Lage. Wie seine gesamte Klasse beherrschte Toni die Gitarre schlecht. Dass er falsch und unrhythmisch spielen würde, liess sich nicht vermeiden. Die grösste Katastrophe wäre aber, wenn er dazu noch vor lauter Nervosität mittendrin abbrach und von der Bühne rannte. Ignazio beschloss, die Vorbereitungszeit darin zu investieren, diesem peinlichen Vorfall vorzubeugen. So trimmte er Toni darin, jeden Fehler zu ignorieren und sich weder von falschen Akkorden noch von anderen Malheurs irritieren zu lassen. «Die grosse Kunst ist, das Stück zu Ende zu bringen», predigte er in der Stunde. «Weiterspielen. Egal, was passiert. Einfach weiterspielen.» Wie hilfreich waren nun die ständigen Unterbrechungen. Wenn ein verirrter Student hineinplatzte, schaute Ignazio geradeaus und ignorierte ihn, während Toni dem Drang abzubrechen widerstand und unbeirrt seine kakophonische Produktion fortsetzte. Der grosse Tag kam. Und wider jede Erwartung wurde das Konzert für Toni zu einem Triumph. Während die ehrgeizigsten Schüler der ehrgeizigsten Lehrer vor lauter Ehrgeiz nur die halbe Leistung abriefen, stand Toni wie ein Fels da und ackerte sich durch sein Stück mit der Hingabe eines Traktors, der widerspenstige Erde durchpflügt. Mit feuchten Augen bedankte sich Tonis Mutter bei Ignazio dafür, dass er ihrem Sohn diese Chance gegeben hatte.
Ja, apropos Toni. Später gründete er eine erfolgreiche eigene Firma und musste bei einem der runden Jubiläen eine Rede halten. Es macht sich immer gut, etwas aus seiner Kindheit zu erzählen und so begann Toni mit den Worten: «Die wichtigste Lektion meines Lebens habe ich von meinem Gitarrenlehrer erhalten. Er sagte mir, die grosse Kunst sei, das Stück zu Ende zu bringen, egal was passiert. Bei jedem Zögern, bei jeder Verunsicherung habe ich an diese Worte gedacht. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist das Rezept meines Erfolgs und des Erfolgs unserer Firma. Einfach weiterspielen. Immer weiterspielen.» Toni erntete grossen Applaus. Und Ignazio, der mittlerweile ein alter Mann war, erhielt eine Dankeskarte von seinem ehemaligen Schüler. Dieser habe neulich an ihn gedacht. Als Kind sei er schüchtern und unsicher gewesen, und den Unterricht im Zimmer W3 im 3. Stock sei ihm übrigens als etwas chaotisch in Erinnerung geblieben. Doch dass Ignazio ihn auf die Bühne geworfen und ihm beigebracht habe, einfach weiterzuspielen, das habe seinen Weg geebnet. «Wer hätte das gedacht?», dachte Ignazio und rief seinen Schwager an.

Das Zimmer W3 im 3. Stock
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