Drei Jahre später lebte Konstantin wieder bei seiner Mutter in der kleinen Siedlung am Greifensee. Nichts, worauf er stolz sein konnte. Aber was soll man machen. Manchmal hat man einfach Pech.
So hatte sich das Ganze zugetragen. Konstantin startete sein Dissertationsprojekt in experimenteller Physik mit leisen Zweifeln, die sich immer dann meldeten, wenn etwas nicht klappen wollte, wenn z.B. das flüssige Argon aus dem Detektor abfloss oder die Neutrinos wieder einmal spurlos verdampft zu sein schienen. Dann verliess Konstantin das Labor für experimentelle Physik und schlenderte hinüber zum Labor für experimentelle Philosophie, um kurz den Kopf zu lüften. Die Philosophen hatten im Übrigen auch die viel bessere Kaffeemaschine. Er hörte die Kollegen einander berichten, wie sie ihre Gleichnisse berechneten und ihre philosophischen Eprouvetten reinigten, verirrte sich sogar ein paar Mal ins Philosophielabor, probierte dort ein bisschen herum, und bevor er sich versah, hatte er den Entscheidungstreffer erfunden. Der Entscheidungstreffer war eine Maschine, in die man Überlegungen und Optionen hineinspeiste und danach die richtige Entscheidung präsentiert bekam. Der Entscheidungstreffer rechnete schnell, zuverlässig und fand immer die richtige Entscheidung. Immer. Konstantin liess ihn patentieren, gründete eine eigene Start-up-Firma mit dem Namen «DeciMake» (der Name kam ihm zu diesem Zeitpunkt originell vor) und begrüsste seine ersten Kunden.
Um es vorwegzunehmen: Es scheiterte nicht an der Maschine. Der Entscheidungstreffer hatte immer Recht. Immer. Es scheiterte an den Menschen. Auch wenn die richtige Entscheidung vor ihrer Nase stand, machten sie trotzdem, was sie wollten. Sie hörten auf ihren Bauch, sie hörten auf ihre innere Stimme, sie hörten auf ihren sechsten Sinn, sie hörten auf ihr drittes Auge. Sie hörten lieber auf ihre Füsse! Aber nicht auf den Entscheidungstreffer. Zu kompliziert, zu weithergeholt, zu dies und zu das. Klar, erklärte Konstantin, man kann die Empfehlungen vielleicht nicht auf Anhieb nachvollziehen, deswegen braucht man ja den Entscheidungstreffer, weil das Ganze über das unmittelbare Urteilsvermögen hinausgeht. Ja, sagten die Kunden. Aber nein. Irgendwie wüssten sie es doch besser. Der junge Comiczeichner, der sich trotzdem für ein Jura-Studium einschrieb. Die unglückliche Betrogene, die sich trotzdem von ihrem Mann nicht trennte. Der verstockte Alte, der seiner Tochter trotzdem nicht die Hand reichen konnte. Und all die anderen. Ja, einige taten wie empfohlen, und kamen, um sich zu bedanken. Aber die meisten eben nicht. Die Leute zitierten erfolgreiche Ratgeber, die empfahlen, «in sich hineinzuhorchen». Sie waren gekommen, um es auszuprobieren, eine lustige Idee eigentlich, so ein Entscheidungstreffer. Doch am Ende… Die Maschine möge gut und recht sein, aber am Ende sei sie doch nur eine Maschine.
Rund 20% der Start-Ups geben nach dem ersten Jahr auf. Konstantins «DeciMake» war einer von ihnen. Als der Comiczeichner sein Jurastudium abgebrochen und sich wie empfohlen in der Kunstakademie eingeschrieben hatte, versuchte er die Firma zu erreichen. Einige Freunde von ihm hätten auch wichtige Lebensfragen, jetzt könne er den Entscheidungstreffer vorbehaltslos empfehlen. Auf seine E-Mail kam keine Antwort. Auch nicht als die mittlerweile Geschiedene weiteren Rat brauchte oder der alte Mann sich endlich überwand, sich bei seiner Tochter zu entschuldigen. Konstantin lebte inzwischen bei seiner Mutter, hatte einen Job in der Gemeindeverwaltung, kümmerte sich um den Garten und kochte abends ein gemeinsames Essen. Das war eigentlich ganz schön. Blöd war nur das ewige Mahnen der Mutter: Der Entscheidungstreffer hat gesagt, du sollst dranbleiben, der Entscheidungstreffer hat gesagt, du sollst länger ausharren, der Entscheidungstreffer hat gesagt, es lohnt sich. Unsinn, aber auch wirklich! Der Entscheidungstreffer war nur eine Maschine. (Und Konstantin dummerweise nur ein Mensch.)

Der Entscheidungstreffer
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