Die Dart-Weltmeisterschaft war durch, die Unihockey-Weltmeisterschaft war durch, die Squash-Weltmeisterschaft war durch. Es blieb nur noch die Rope-Skipping-Weltmeisterschaft und Ute hatte bereits alles gesehen, was im Verlauf eines Kalenderjahres stattfand. Eine ernüchternde Vorstellung, aber so war es. Der Herbst stand bevor und Ute hatte für den Rest des Jahres nichts Spannendes mehr in Aussicht. Dann kam Manfred mit dem Vorschlag, gemeinsam die Weltmeisterschaft in Schachboxen zu besuchen. Ute war hin und weg, diese Sportart kannte sie nicht, Manfred auch nicht, denn er hatte die Reise nur vorgeschlagen, um mit Ute zusammen zu sein und nicht damit gerechnet, dass sie zusagen würde. Und so wurde der Ausflug zum serbischen Loznica der Beginn einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Die beiden buchten ein Zimmer im Hotel mit dem etwas widersprüchlichen Namen «Havana Loznica», das Hotel besass eine Pizzeria und eine gute Bar und so ergab sich, dass das Schachboxen auch in diesem Jahr ohne Ute und Manfred auskommen musste, denn die beiden verliessen das Hotel kein einziges Mal.
Ute und Manfred zogen zusammen und die Weltmeisterschaften in Dart, Unihockey, Squash, Rope-Skipping und Schachboxen bildeten ab jetzt einen festen Anker in ihrem Leben. Das war einfach zu organisieren und ergab eine gute Jahresstruktur. Die Zeit verging und alles war schön. Doch dann erlitt Ute einen kleinen Schlaganfall. Zum Glück kam die Ambulanz schnell, die Ärzte waren kompetent, es hätte viel schlimmer kommen können, aber sie konnte leider nicht mehr reisen. Das eine Bein machte nicht mehr richtig mit und sie wurde schnell müde.
«Ich möchte, dass du weiterhin die Weltmeisterschaften besuchst!», sagte Ute zu Manfred.
«Nein, ich bleibe bei dir», widersprach Manfred. «Ich habe schon alles gesehen und bin auch nicht mehr der Jüngste, die ganze Reiserei muss nicht mehr sein. Ich will bei dir sein.»
«Du musst gehen! Du musst gehen und mir davon erzählen. Die Weltmeisterschaften sind unser Baby. Wir dürfen sie nicht vernachlässigen.»
So hatte es Manfred bis jetzt nicht gesehen. Und, ehrlich gesagt, behagte ihm die Vorstellung von den Weltmeisterschaften in Dart, Unihockey, Squash, Rope-Skipping und Schachboxen als sein Baby nicht besonders. Doch er fügte sich. Von da an fuhr er allein zu jeder Weltmeisterschaft, rief Ute mit Video an, zeigte ihr die Hallen, machte Selfies mit den Stars – ja, manchmal schafft man das – speicherte Fotos und Notizen, um zu Hause zu erzählen. Es war anstrengend und die Weltmeisterschaften machten ohne Ute keinen Spass mehr. Aber er fügte sich und Ute erwartete seine Berichte jedes Mal mit Freude.
So vergingen ein paar Jahre. Einmal wartete Manfred in Kairo in der Schlange, um ins Squash-Finale hineinzugehen, als zwei junge Touristen vorbeigingen. Etwas an ihrer Art faszinierte ihn, ihre Leichtigkeit, ihre fliessenden Kleider, ihre hellen Stimmen. Die Schlange kam nicht von der Stelle, Manfreds Sonnenhut klebte an seinem Kopf, die obligate Power Bank drückte durch den Rucksack an seine Hüfte.
«Tut mir leid, dass ich Sie aufhalte», sprach Manfred die Touristen höflich an, «aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Finale anschauen will.»
«Das müssen Sie doch gar nicht, Sie sind in Kairo, hier gibt es Geschichte und Museen und so viel zu erleben», antwortet der eine Tourist.
«Ich habe aber keine Lust auf Museen», sagte Manfred etwas matt.
Die beiden Touristen lachten und nahmen Manfred mit. Sie zeigten ihm ein paar schöne Orte, an denen er sich entspannen und loslassen konnte. Und somit hatte er mit den Weltmeisterschaften abgeschlossen.

Die Weltmeisterschaften
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© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten
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