Florian und Jonas

Es regnete seit Wochen. Gefühlt seit Monaten, sagte Florian. Nein, gefühlt seit Jahren, korrigierte Jonas, er musste immer korrigieren und alles einen Tick dramatischer machen. Jonas war Florians kleiner Cousin, wobei klein einen Altersunterschied von zwei Jahren benannte, der in der Kindheit sehr wichtig ist. Später blieb die Bezeichnung einfach. Als Kinder verbrachten Florian und Jonas viel Zeit bei ihren Grosseltern, welche die beiden nich nur hüteten, sondern vielmehr einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Erziehung leisteten. So brachten sie den Buben bei, danke zu sagen, indem sie jedes «Danke» mit einem Zuckerbonbon belohnten. Oder sie bedeckten kleine Stücke Gemüse mit Tonnen von Mayonnaise, um sie daran zu gewöhnen, die gesunden Lebensmittel wertzuschätzen. Nebst guten Manieren und lobenswerten Gewohnheiten führten diese Erziehungsmethoden zu einer gewissen schrulligen Widersprüchlichkeit, die sich in den Charakter der Buben fürs Leben einschrieb. Nun waren Florian und Jonas erwachsen, immer noch unzertrennlich, und hatten ein Sommerhaus in Schweden gemietet. Wobei eben, ein Sommerhaus ist nur ein Sommerhaus, wenn es einen Sommer gibt. Dieses Jahr gab es Regen. Gefühlt seit Monaten, sagte Florian. Nein, gefühlt seit Jahren, korrigierte Jonas. Deswegen entschieden die beiden, die Rezepte des Kochbuchs «Sommar i Sverige» durchzuprobieren. Wenn nicht draussen, so sollte es doch wenigstens in der Küche Sommer in Schweden geben. Die Rezepte trugen Namen wie Raggmunk, Köttbullar, Smörgastarta und gelangen ausgezeichnet. Jonas und Florian kochten und schlemmten und schlemmten und kochten und als sie von den Ferien zurückkamen, waren beide mehrere Kilo schwerer als vor der Abreise. Florian nahm sich vor, eine Art Erfahrungsbuch zu schreiben mit dem Titel «Wie mich Schweden dick machte». Etwas Leichtes, Lustiges, Impressionen von prasselndem Regen vermischt mit dem Duft von Zimt und Vanille.
«Dick wie ein Schwein, solltest du das Buch nennen», korrigierte Jonas. «Oder besser, dick wie eine Robbe, nein, dick wie ein Seeelefant».
«Warum Seeelefant?», fragte Florian, «Elefant reicht doch auch».
«Elefanten sind nicht dick», korrigierte Jonas.
«Ja, so betrachtet, sind Robben auch nicht dick. Sie sind einfach so», gab Florian zurück.
Und so diskutierten die beiden hin und her, bis Florian jede Lust verlor, das Buch mit dem mittlerweile unklaren Titel zu schreiben. Und weil sie ununterbrochen so diskutierten, konnte es niemand in ihrer Nähe aushalten, wenn sie zusammen waren. Und weil sie ständig zusammen waren, konnte es niemand in ihrer Nähe aushalten, Punkt. Und deswegen fuhren die beiden immer gemeinsam in die Ferien. Das muss aber nicht schlecht sein. Und nächstes Jahr wird das Wetter bestimmt auch besser.

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