Die Avocados

«Denn was ist der Sinn von Avocados?» schrieb der grosse Schriftsteller Alfred Nokowski in seinem letzten Schreibheft, legte den Stift beiseite und stellte fest, dass sein schriftstellerischer Kreativitätsstrom versiegt war. Ein für alle Mal. «Was ist der Sinn von Avocados» blieb sein letzter Satz überhaupt und als er einige Jahre später, müde vom Nicht-Schreiben, friedlich verstarb, mussten sich Kulturjournalisten und Literaturwissenschaftler damit anfreunden, dass die Rezeption eines der grössten, umfassendsten Literaturschätze des Jahrhunderts für immer mit der Frage nach dem Sinn einer fettigen grünen Frucht verbunden blieb.

«Was ist der Sinn von Avocados» wurde zu einem der grossen Rätsel der Literatur. Nicht wenige Vertreter der philosophischen Literaturforschung versuchten, der Frage einen transzendentalen Aspekt beizumessen. Vonseiten der historisch-kritischen Strömung wurden Vermutungen angestellt, wonach sich Nokowski einer neuen Thematik zuwenden wollte, einer radikalen Beleuchtung der Schrecken der Globalisierung aus der Perspektive der verarmten Wanderarbeiter aus Osteuropa, welche die Frucht- und Gemüsefelder des Westens bis zur Erschöpfung bestellen, um der reichen, verwöhnten Westler ihre Erdbeeren, Tomaten, Spargel und, eben, Avocados jederzeit verfügbar zu machen. Denn war nicht sein letzter Roman die Geschichte eines polnischen Klempners in London, welche als Ausgangspunkt diente, um ein gesellschaftliches Grosstableau der Privilegien, Leidenschaften und Mühsale des zwanzigsten Jahrhunderts zu entwickeln? Andere versuchten einen direkteren Zugang zur Frage zu finden. Könnte es sein, dass Nokowski eine literaturtheoretische Diskussion anstossen wollte, indem er die Darstellung von Pflanzen in literarischen Werken in den Fokus einer kritisch-reflektierten Betrachtung der Themenfindung in der Literatur rückte? Es entstanden Dissertationen mit Titeln wie: «Fruchtfleisch und Fehllektüre. Eine dekonstruktiv-hermeneutische Annäherung an die Avocado als epistemische Leerstelle der europäischen Literaturgeschichte».

Alfred Nokowski hatte einen Sohn, Frieder, der jenseits der Öffentlichkeit als Geografielehrer arbeitete. Als er einmal mit Freunden zu Abend ass, fragte ihn jemand:
«Du, Frieder, wie ist es eigentlich mit dieser Avocado? Die Sache muss dir zum Hals hinaushängen. Die Schreiberlinge fragen dich sicher Tag und Nacht danach, was es zu bedeuten hatte.»
«Keiner hat mich je gefragt», antwortete Frieder mit einem kleinen Lächeln.
«Echt? Und wenn sie gefragt hätten? Wüsstest du die Antwort?»
«Natürlich.»
Alle Augen hefteten sich auf Frieder.
«Nichts. Es hatte nichts zu bedeuten. Das war eben das Vorgehen meines Vaters. Er schrieb irgendeinen Satz und dann schrieb er weiter und zuletzt könnte es sein, dass er den Satz wieder löschte. Aber wenn schon mal etwas auf dem Papier stand, ging es wie von allein weiter, so erklärte er das. Bloss das letzte Mal, da ging es nicht mehr. Mein Vater fand keine Geschichte mehr.»
Es entstand ein kurzes Schweigen.
«Wolltest du sie nie aufklären?», sprach irgendwann jemand aus, was alle beschäftigte.
«Und so viele Doktortitel zunichtemachen? Ich glaube nicht», lachte Frieder. «Nun reicht mir doch diese wunderbare Knoblauchsauce.»

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