Die Dämonen

Es war einmal eine Frau, in deren Welt Dämonen hausten. Es waren die Dämonen ihrer Kindheit und ihrer Jugend. Die Dämonen bewohnten ihre Küche und ihr Bad und ihr Schlafzimmer, sie wälzten sich auf dem Sofa, sie lungerten zwischen den Büchern, sie krochen auf den Pflanzen. Manchmal sangen sie laut, während die Frau ihre Zähne putzte. Wahrscheinlich meinten sie, die elektrische Zahnbürste würde ihre Stimmen übertönen. Doch die Frau hörte sie bestens, sie verstand jedes Wort ihrer Lieder. Es waren Worte des Vorwurfs: Dieses kannst du nicht, für jenes bist du nicht gut genug, du bist schwierig, du bist ungelenk, du machst es falsch. Die Frau hatte sich daran gewöhnt.

Doch eines Tages fragte eine Freundin:
«Hast du schon mal versucht, die Dämonen weg zu schicken?»
«Oh, viele Male, aber sie kommen immer zurück», sagte die Frau.
«Und mit wessen Stimme reden sie?»
Die Frau dachte nach. Die Dämonen sprachen tatsächlich mit einer vertrauten Stimme, aber nie hatte sie sich gefragt, wessen Stimme dies sei.
«Mit der Stimme meiner Mutter», antwortete die Frau nach einer Weile.
«Dann gehören sie deiner Mutter und du musst sie ihr zurückgeben», erklärte die Freundin.

«Ich bringe dir deine Dämonen zurück», sagte die Frau zu ihrer Mutter beim nächsten Besuch und legte eine schwere Schachtel auf den Tisch.
«Du bist undankbar», antwortete die Mutter. Da begann es aus der Schachtel zu klatschen und zu johlen, die Dämonen freuten sich, wieder nach Hause zu kommen.

Und seitdem ist es in der Wohnung der Frau still. Während sie kocht oder duscht oder sich die Haare kämmt, sprechen ihre Gedanken mit ihrer eigenen Stimme. «Du bist in Ordnung», sagen diese manchmal, aber meistens beschäftigen sie sich mit anderen Dingen.

Kommentare sind willkommen und werden nach Prüfung veröffentlicht.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten

Schlagwörter: