Grossohr

Es war einmal ein Unternehmensberater mit grossen Ohren. Schon als Kind wurde er dafür gehänselt, doch schien es, dass seine Ohren mit dem Alter sogar weiterwuchsen, sodass er als Erwachsener zwei durchsichtige Segel an den Kopfseiten trug. Im Beruf verlieh ihm das einen gewissen Charme. Er wusste aus der Not eine Tugend zu machen, indem er betonte, wie gut er damit zuhören kann, als Unternehmensberater soll man das ja. Das erzielte immer ein paar Lacher und lockerte die Stimmung. Doch privat waren seine Ohren ein Hindernis, denn die Frauen mochten ihn nicht einmal anschauen. In der Schule hatte ihm jemand den Spitznamen Grossohr gegeben und der blieb an ihm haften. So war er beruflich erfolgreich und privat einsam, und die Tage kamen und gingen.

Eines Tages kaufte sich Grossohr ein neues Auto. Es war ein seltener Oldtimer von grünsilberner Farbe, die man auf den Strassen sonst nie sah. Damit unternahm er jeden Sonntag einen kleinen Trip zu einem entlegenen Restaurant namens «Sonneck» und gönnte sich ein gutes Mittagessen. Die Landstrassen waren kurvenreich, die Wälder erstrahlten im Frühling grün und im Herbst rot, die Aussicht vom Restaurant weitete das Herz und das Essen wärmte die Seele. Einmal aber war das anders. Nachdem er seine wunderbare Fahrt genossen, die jungen Knospen an den Bäumen angelächelt und zum allerersten Mal einen Parkplatz auf der begehrten rechten Seite des Hauses gefunden hatte, bestellte Grossohr die hausgemachten Nudeln mit Bärlauch und lehnte sich in seiner allerbesten Stimmung zurück. Doch als die Nudeln kamen, musste er feststellen, dass sie gnadenlos verkocht waren. Das Essen war so schlecht, dass er nicht anders konnte, als sich beim Kellner zu beschweren.
«Ich kenne Ihre Küche und schätze sie sehr. Aber da hat wohl jemand die Nudeln auf dem Kochherd stehen gelassen und ist spazieren gegangen. Das ist respektlos, nicht nur gegenüber dem Gast, sondern auch gegenüber diesem wunderbaren Produkt!», ereiferte sich Grossohr, denn seine gute Stimmung war dahin.
Der Kellner murmelte tausend Entschuldigungen und rannte in die Küche. Kurz darauf kam er zurück mit einer zierlichen Person, die völlig aufgelöst vor dem Gast stand.
«Gloria, würden Sie bitte erklären, was passiert ist?», ermahnte sie der Kellner.
«Es tut mir leid», stammelte Gloria, «aber ich habe einen Geist gesehen».
Grossohr schaute sie an und brauchte eine Weile, um zu verstehen, was an der Situation so aussergewöhnlich war. Gloria war nicht von seinen Ohren abgeschreckt. Sie schaute ihn an, schien sie aber überhaupt nicht zu bemerken.
«Was für ein Geist?», fragte er.
«Ich habe das Auto meines Vaters gesehen», antwortete Gloria. «Er hatte ein ganz besonderes Auto, einen grünsilbernen Oldtimer. Als er uns verliess, stieg er in dieses Auto und fuhr davon. Mir blieb nur die Erinnerung an seine Stimme und an den Geruch von Leder in diesem grünsilbernen Teufel, der ihn davontrug. Später ist er gestorben, wir haben uns nie wiedergesehen. In letzter Zeit denke ich häufig an ihn. Heute blickte ich kurz aus dem Fenster und es kam mir vor, als sehe ich sein Auto draussen stehen. Da habe ich wohl jedes Zeitgefühl verloren und die Nudeln im Kochwasser vergessen.»
«Das kann passieren», beruhigte sie Grossohr.
«Ich habe dieses Auto jahrelang gehasst. Als Kind gab ich ihm die Schuld, denn es brachte meinen Vater von uns weg. Aber heute denke ich, wenn ich nochmals darin fahren würde, könnte ich vielleicht damit Frieden schliessen», flüsterte Gloria.

«Kommen Sie mit», sagte Grossohr und führte sie nach draussen. Er machte die Autotür für sie auf und Gloria stieg ein, unsicher, ob dies Wirklichkeit war, oder nur ein Traum. Grossohr setzte sich neben sie, startete den Motor und fragte sich ebenfalls, ob es Wirklichkeit war, dass eine Frau zu ihm ins Auto stieg und auf Spritztour ging, ohne auf seine Ohren zu achten. Die beiden fuhren eine Weile durch die Gegend, Grossohr berichtete, von wem er das Auto gekauft hatte, die Vorgeschichte war ihm bekannt, nach allen Berechnungen war es ausgeschlossen, dass es das Auto von Glorias Vater war, doch zweifelsfrei war es das genau gleiche Modell. Die beiden kamen ins Erzählen, die Kindheit, die Jugend, die Hoffnungen, die Träume. Es gab viel zu erzählen. Als Grossohr wieder das Auto vor dem Restaurant abstellte und Gloria ihn dankend ansah, hielt er es nicht mehr aus.
«Ich habe sehr grosse Ohren», sagte er zu ihr. Denn sie sollte ihn bitte sehen. Mit allem, was dazu gehörte.
«Das stimmt», antwortete Gloria und fügte fröhlich hinzu, «deswegen können Sie so gut zuhören».
Sie lächelte ihn an, ohne den Blick abzuwenden.
«Könnte ich bitte jetzt eine Portion Nudeln bekommen?», fragte Grossohr und zwinkerte ihr zu, «Al dente!»
«Aber natürlich», antwortete Gloria.

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