Roland und Rosa

Es war einmal ein Kaninchenzüchter. Er hiess Roland und hatte sein Handwerk in vielen Jahren liebevoller Arbeit erlernt. Roland verkaufte seine Kaninchen an Familien, um den Kindern Pflichtbewusstsein zu vermitteln. Er selbst hatte keine Familie, seine Tiere, die im geschützten Hof eines alten Bauernhauses lebten, waren seine Familie. Roland wohnte im Oberstock des Bauernhauses in einer kleinen schmucken Wohnung, gleich über dem alten Bauernpaar, dessen Sohn internationale Karriere machte und nur selten zu Besuch kam.

Roland hatte ein Lieblingskaninchen namens Rosa. Er hatte sie als Jungtier ausnahmsweise behalten, da ihn etwas an ihr angezogen hatte, seitdem begleitete sie seinen Alltag. Rosa liess sich streicheln und schnupperte mit ihrem Näschen an seine Hand, abends nahm er sie mit in die Wohnung und sie hopste auf dem weichen Teppich, während er die Abendnachrichten schaute oder sich etwas zum Essen kochte. Sie wurde 16 Jahre alt, was für ein Kaninchen ein biblisches Alter ist. Als sie starb, war er traurig und dankbar zugleich, dass er sie so lange als Gefährtin hatte haben dürfen.

Um sich vom Verlust abzulenken, beschloss Roland etwas Neues auszuprobieren und entschied sich für die Gladiolenzucht. In seinem Garten standen bereits einige Gladiolen und er betrachtete fasziniert, wie stramm sie in die Höhe ragten und wie kraftvoll ihre Stiele dem Wind standhielten. Was für ein Gegensatz war das zu den weichen, rundlichen Kaninchen, die herumtollten, hoppelten, rannten oder stillstanden, sich jedoch nie richtig vom Boden abhoben. Roland widmete den hinteren Teil des Gartens seiner neuen Beschäftigung und begann mit den Pflanzen zu experimentieren. Einer besonders gelungenen rot-weissen Kreuzung gab er den Namen Rosa und freute sich, dass sie so regelmässige und wohlgeformte Blüten entwickelte. Roland zeigte Rosa an Zuchtmessen und meldete sie für Wettbewerbe an. Dass die Gladiolenzucht so viele Liebhaber hatte, dass sie im Zentrum so grosser Veranstaltungen stand, dass sie so leidenschaftliche Wettkämpfe auslöste, das hatte er nicht erwartet. Eine neue Welt tat sich auf und er stellte zu seinem Erstaunen fest, dass diese Welt nur auf Rosa gewartet hatte. Rosa gewann die prestigeträchtigsten Wettbewerbe, sie wurde bei den Ausstellungen zuvorderst platziert, für ihre elegante Symmetrie wurde sie nicht nur vom Publikum, sondern sogar von der Konkurrenz bewundert. Bald war Roland so beschäftigt mit seinem neuen Hobby, dass er jeden Monat zu einer Gladiolenkonferenz oder zu einem Liebhabertreffen fuhr. Die restliche Zeit verbrachte er bei seinen Kaninchen und schaute, dass es ihnen gut ging.

Das alte Bauernehepaar war müde und gebrechlich geworden. Mit ihrem langen Leben zufrieden, legten sich die beiden in ihre Betten und verstarben kurz nacheinander. Überraschenderweise hatten sie das Haus und den Hof Roland vermacht. Der Sohn war mittlerweile ein Star in New York und war froh, sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Roland renovierte das untere Stockwerk und hatte jetzt viel mehr Platz für alles, unter anderem auch für sein Büro als neu gewählter Vorsitzender der internationalen Gladiolengesellschaft. Die neuen Aufgaben verlangten viel von ihm, man empfahl ihm eine Sekretärin. Und so stand bald eine junge Frau vor seiner Tür, die keineswegs hübsch war, aber Güte ausstrahlte und ihn mit ihren leicht verschobenen Augen anlächelte. Sie hiess Leni, arbeitete sich schnell ein und war ihm fortan eine unentbehrliche Hilfe. Wenn sie Pause machte, ging sie in den Hof und liess sich von ihm in die Geheimnisse der Kaninchenzucht und in die Mysterien der Gladiolenkreuzung einführen.

Eines Tages kam Leni traurig zur Arbeit. Ihre alte Tante war erkrankt und konnte sich nicht mehr um ihr Zwerghängebauchschweinchen kümmern. Ob sie wohl das Schweinchen kurz bei Roland unterbringen dürfte, bis sie eine dauerhafte Bleibe gefunden hätte. Roland bestätigte ohne Zögern und so spazierte schon am nächsten Tag ein gedrungenes kleines Tierchen im Hof herum und wunderte sich, dass die Welt so anders und so gross geworden war. Roland war entzückt vom lustigen Körper und dem grimmigen Gesichtsausdruck. Den ganzen Tag lang lief er dem Schweinchen nach und lachte über seine ernsthafte Miene, über sein unaufhörlich wedelndes Schwänzchen und über sein ewig hungriges Schmatzen. Dass es für immer bleiben durfte, war keine Frage. Vielmehr begann Roland sich mit der Rasse zu beschäftigen, las die neuesten Abhandlungen zur Hängebauchzucht und hatte bald eine grunzende Schweinegemeinschaft, die sich im neu gebauten Gehege tummelte und einander jederzeit viel zu erzählen hatte. Der erste Wurf hatte weiche, fast durchsichtige Körperchen. Es war nur folgerichtig, dass das erste Baby den Namen Rosa bekam.

An einem Spätsommermorgen standen Roland und Leni nebeneinander am Fenster des Hauses und schauten auf den Hof hinaus. Links sah man die Kaninchenhäuser, hinten blühten die Gladiolen, aus dem rechten Teil hörte man das leise Grunzen der Zwerghängebauchschweinchen.
«Was für ein wunderschöner Morgen», sagte Leni.
«Wunderschön!», antwortete Roland und nahm zum ersten Mal ihre Hand. Sie schaute ihn an und lächelte.
«So viel Leben da draussen», sagte sie.
«Ja, so viel Leben», bestätigte Roland, doch seine Stimme war nachdenklich. Eine Weile sann er nach und fügte dann mit leise hinzu: «Doch ist alles irgendwie geerbt. Und gezüchtet.»
Sie schwiegen und hielten sich an der Hand. Dann schaute Roland Leni an, sie nickte und die beiden gingen nach oben. Es wurde ein Mädchen und sie nannten es Monika.

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