Die Kartoffelumwandlung

Es war einmal ein Mann namens Reiner. Reiner hatte sich seinen Platz in der Welt erkämpft, nun besass er eine eigene Firma für Badereparaturen und wohnte mit seiner Frau Manuela im eigenen Häuschen, mitten in der Agglomeration. Die beiden waren sehr stolz darauf. Manuela dekorierte die Haustür und hatte eine blaue Glanzkugel vor den Eingang gestellt.

Reiner und Manuela hatten einen siebzehnjährigen Sohn, Henrik. Henrik verbrachte viel Zeit in seinem Zimmer, es beschäftigten ihn tausend Fragen über die Welt, Fragen darüber, wie man sie gerechter machen kann, wie die Menschen alles erhalten, was sie brauchen, wie man Elend und Not beseitigen kann. Diese Gedanken hielten ihn tagsüber auf und liessen ihn abends nicht los. In letzter Zeit war es vor allem die Versorgung der ärmeren Weltregionen mit Nahrungsmitteln, die ihn beschäftigte. Er durchforstete das Internet und prüfte Entdeckungen, die einen Ausweg versprachen. Hunderte von wissenschaftlichen Plattformen blubberten Ideen, Erfindungen und Versprechen hervor, daher musste man geordnet vorgehen und kompetent urteilen. Henrik war kein Wissenschaftler, er hatte sich aber in einigen Disziplinen eingelesen und sich in mehreren Online-Ausbildungen einiges an Rüstzeug angeeignet, um zwischen unausgegorenen Projektideen und empirischer Substanz unterscheiden zu können. Als er die Kartoffelumwandlung entdeckte, war er zuerst skeptisch. Aber mit jedem weiteren Experiment, das die Funktionsweise bestätigte, mit jeder neuen Publikation, die die Fortschritte beschrieb, mit jedem neuen Anwendungsfeld, das sich auftat, war er sich sicher: Da musste man unbedingt dranbleiben.

Reiner und Manuela sahen es nicht gerne, dass Henrik so lange in seinem Zimmer sass. Er verpasste zwar keinen Schultag und hatte gute Noten, daran war nichts auszusetzen. Aber irgendwie erwartet man von einem jungen Mann, dass er nebst der Schule auch anderes macht, Fussball spielt, mit den Jungs abhängt, Dinge repariert und so weiter. Henrik aber machte in der Welt draussen nur das Mindeste und verbrachte die restliche Zeit in seinem Zimmer. Vor seinem Computer. Im Internet. Davon waren Reiner und Manuela überzeugt. Das bereitete ihnen Sorgen, immer wieder klopften sie an seine Tür und gingen hinein, um zu prüfen, was er tat. Und da sass er einfach vor der dummen Kiste und war im Internet.

Henrik wusste seit Längerem, dass er in eine aufregende Entdeckung investieren würde. Selbst Forschung betreiben, reizte ihn nicht. Es schien ihm, dass es auf der Welt genügend Forscher gab, ständig war zu lesen, dass irgendwo irgendjemand irgendetwas beforschte und irgendwelche Publikationen vermeldete. Seltener aber waren die Menschen, die die guten Entdeckungen erkannten und sie vorantrieben. So ein Mensch wollte Henrik sein. Um finanziell gerüstet zu sein, spielte er Online-Poker und hatte damit schon ein kleines Vermögen verdient. Sobald volljährig, würde er ein Start-Up gründen und mit einer guten Entdeckung ins Feld gehen. Die Kartoffelumwandlung schien genau das Richtige zu sein. Und so war es an der Zeit, den Rest vorzubereiten: Businessplan, Budget, Marketing. Henrik hatte ein richtig gutes Business-Webinar gefunden, das von Boston aus geführt wurde. Zum Glück war sein Englisch gut und wurde im Übrigen immer besser, denn während der sechs Monate der Ausbildung musste er viel reden und schreiben. Danach bekam er ein international angesehenes Zertifikat und konnte sich als Manager ausweisen. Dumm war nur, dass er während dieser sechs Monate regelmässig bis spät in die Nacht aufbleiben musste, denn das Webinar fand zur USA-Tageszeit statt. Irgendwie schaffte er es aber, den Schlaf am Wochenende nachzuholen. Es war ja nur für eine begrenzte Zeit.

Reiner und Manuela betrachteten die neue Angewohnheit ihres Sohnes, wochentags die halbe Nacht aufzubleiben und sonntags lange zu schlafen, mit Unbehagen. Besorgt musterten sie den Lichtstrahl, der in der Nacht unter seiner Zimmertür drang. Am Sonntag, während Henrik schlief, trafen sie sich mit den Nachbarn zum Jassen und erzählten schweren Herzens von der ungünstigen Entwicklung ihres Sohnes. Reiner hatte damit gerechnet, dass Henrik eines Tages die väterliche Firma für Badereparaturen übernehmen würde, aber einem solchen Faulpelz würde er sie nicht anvertrauen, so viel war klar! Die Nachbarn beruhigten sie. Es ist das Alter. Das wächst sich aus. Der Sohn von Bergers war auch ein Faulpelz gewesen, wisst ihr noch?, mit Mühe und Not die Schule abgeschlossen, aber jetzt studiert er sogar an der Uni, das hätte niemand für möglich gehalten. Wenngleich irgendetwas Brotloses, Germanistik oder Sozialwissenschaft oder sowas.

Das tröstete Reiner und Manuela wenig. Henrik war mittlerweile volljährig und nichts schien sich ‘auszuwachsen’. In letzter Zeit kamen irgendwelche eingeschriebenen Briefe für ihn und er hatte an einer Schublade seines Pultes den Aufkleber «Docs» angebracht. Ansonsten aber blieb alles beim Gleichen. Er sass vor seinem Laptop und starrte stundenlang in das Internet. Anscheinend sprach er jetzt auch mit Leuten im Computer, irgendwelche Online-Bekanntschaften offenbar. Er sollte sich doch mit den Jungs aus der Siedlung treffen, hoffentlich auch mit den Mädchen…

Die Kartoffelumwandlung entpuppte sich als absoluter Volltreffer. Die Pflanzen gediehen, die Ernte boomte. Henrik hatte eine Sekretärin angestellt, mit der er zwar nur online Kontakt hatte, denn sie lebte in Deutschland, aber sie machte ausgezeichnete Arbeit. Weitere Investoren schlossen sich an, immer mehr Betriebe stellten um, Nahrungsmitteltransporte erreichten bedürftige Regionen, die Medien berichteten. Henrik war der Mann der Stunde. Und so standen an einem schönen Oktobertag Reporter vor dem Reinerschen Haus und warteten, dass jung Henrik heraus kam. Heraus kam zuerst aber Reiner und es entwickelte sich ein kurzes, beidseits verwirrtes Gespräch darüber, warum die Kameras auf die Haustür gerichtet sind und hier mehrere Teams mit Skripten und Kabeln herumstehen. Als danach Henrik an der Tür stand und gewieft Interviews gab, war für Reiner die Welt nicht mehr an ihrem angestammten Platz.

Später sassen alle drei am Küchentisch, Reiner, Manuela und Henrik. Der Sohn erzählte begeistert von der Kartoffelumwandlung, zeigte ihnen Grafiken und Fotos, in Burundi und Somalia machte sich bereits eine spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse bemerkbar. Er war sehr stolz darauf.
«Aber…», stotterte Reiner, «warum hast du uns das nie gesagt? Wir dachten, du seist faul.»
«Wirklich?», staunte Henrik. «Nein, faul bin ich überhaupt nicht.»
«Aber warum hast du nichts gesagt?», doppelte Manuela nach.
«Ihr habt nie gefragt», antwortete Henrik schlicht und entschuldigte sich. Die Geschäfte warteten. Und er wollte auch beizeiten das Flugticket nach Paris kaufen, wo seine Freundin lebte. Geplant waren zunächst ein paar Wochen zu zweit, aber wer weiss, was das Leben noch bringt.

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