Der Traum

Marius hatte einen Traum. Seit Kindheitstagen. Und er erzählte gern davon. «Ich habe einen Traum, schon seit Kindheitstagen!», bekamen seine Mitmenschen bereits kurz nach dem Kennenlernen zu hören. Da leuchteten die Gesichter auf, denn man versprach sich Spannenderes als den üblichen Small Talk, wo wohnst du, was machst du beruflich und so weiter. Nein, da kam einer gleich mit seinem Traum und es war anzunehmen, dass der Traum verwirklicht wurde oder sich in der Verwirklichung befand, warum würde man sonst davon erzählen? Jedenfalls interessant! Doch dann stellte sich heraus, dass nicht diese Art von Traum gemeint war, sondern die andere. Marius träumte jede Nacht einen Traum. Seit Kindheitstagen immer den gleichen Traum und endlich sollte ihm jemand erklären, was er bedeutete. Er träumte von Ameisen, die auf einem Baum kletterten, nach oben und dann wieder nach unten. Jede Nacht sah Marius die Ameisen nach oben klettern und wieder nach unten klettern. Der Baum war wohl eine Linde oder Eiche, etwas Stämmiges und Rauhes, denn die Rinde… und spätestens bei dieser Angabe suchten seine neuen Bekanntschaften die Toilette oder mussten dringend eine E-Mail beantworten.

Bis eines Tages Marius seine Seelenverwandte fand. Sie hiess Sabrina und träumte den exakt gleichen Traum, jede Nacht seit ihrer Kindheit. Die beiden erzählten einander sofort davon und konnten ihr Glück kaum fassen. Da wurde man verstanden, da wurde man angehört. Marius schilderte seine Ameisen, bräunlich und mit dicklichen Bäuchen, Sabrina erzählte von ihren, von der kleineren Sorte, aber sehr flink, und die Baumrinde erst, es gab so viel zu beschreiben, so viel zu vergleichen. Die beiden redeten und redeten und redeten, jedes Detail wurde noch detaillierter besprochen, jede Ameise bekam ihren Ehrenplatz in der Schilderung; auch die Bäume gaben so viel Gesprächsstoff her.
Doch irgendwann war alles beschrieben.
«Habe ich dir von den Spitzen der obersten Äste erzählt?», fragte Marius.
«Ja», sagte Sabrina. «Und habe ich dir von der kleinsten Ameise im mittleren Feld berichtet?»
«Ja», sagte Marius.
Es ergab sich eine kurze Pause. Dann nahm Marius Sabrinas Hand und schaute ihr tief in die Augen.
«Sabrina», sagte er, «ich muss dich etwas fragen.»
«Ja, was denn, Marius?»
«Sag mir, Sabrina, was haben diese Träume zu bedeuten?»
Sabrina strich sich mit der Hand durch die Haare und rieb mit den Fingerspitzen kurz ihren Hinterkopf.
«Ich habe nicht die geringste Ahnung», murmelte sie leise.
Marius hielt ihre Hand noch ein kleines Weilchen, dann sagte er etwas verlegen:
«Ich muss dringend zur Toilette.»
Dass er nicht mehr zurückkommen würde, das wusste Sabrina.

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