Der Psychiater wollte mehr Kanten. Die Innenarchitektin hatte doch die runden Tische durch eckige ersetzt, Vorhänge mit Dreiecksmuster aufgehängt, Möbel ausgesucht, an deren Ecken man sich fast schneiden konnte. Aber der Psychiater wollte immer noch mehr Kanten. Jetzt, wo sein Praxis-Partner abgesprungen war, konnte er endlich die Räume so gestalten, wie es ihm gefiel. Und dies beinhaltete ganz viele Kanten. Die visuelle Schärfe gäbe seine Behandlungsmethode wieder und animiere zusätzlich seinen Geist, sagte er. Ob sich die Patienten in einem Zimmer mit so vielen Kanten wohlfühlen, fragte die Innenarchitektin. «Die Patienten sind nicht hier, um sich wohlzufühlen, sondern um zu arbeiten», war die Antwort. «Wohlfühlen könnten sie sich, wenn die Arbeit getan ist». Und so stopfte die Innenarchitektin jeden Raum mit Gegenständen voll, die vor allem eines vorzuweisen hatten: Kanten.
Der Psychiater praktizierte eine besondere Behandlungsmethode. Er liess seine Patienten auf einem der kantigen Stühle sitzen und schwieg. Nach einer Weile stellte er seine erste Frage. Während die Patienten erzählten, durchquerte er den Raum und glitt mit dem Finger über die Kanten der Möbel und Gegenstände. Die Kanten hinterliessen auf seinem Finger eine dünne Rille, die er immer wieder mit Interesse betrachtete. Irgendwann setzte er sich und machte ein paar Notizen. Dann stellte er eine weitere Frage, spazierte wieder im Zimmer herum, betastete die Kanten und so weiter, bis die Stunde um war. Die Patienten blieben nicht lange bei ihm, was er als schnelle Genesung auslegte. Das verlieh ihm das Selbstbewusstsein, seine Methode in Fachzeitschriften und auf Konferenzen zu preisen. Unter Kollegen munkelte man aber, dass einige seiner ehemaligen Patienten nicht nur nicht genesen waren, sondern eine grosse Wut auf ihn hegten, was sich auf deren Zustand äusserst ungünstig auswirkte.
Eines Tages hatte der Psychiater einen Traum. Ein grosser Tausendfüssler verirrte sich in sein Behandlungszimmer und schlich über die darin befindlichen Gegenstände. Das Tier bewegte sich langsam und geschmeidig und ertastete dabei die Kanten von Tischen, Stühlen, Bücherregalen, eckigen Vasen und Kleinskulpturen. Alles im Zimmer lief es ab, jeden Gegenstand betatschte es mit seinen frechen Füsschen und die Glieder seines Körpers glänzten trotzig in ihrer Rundlichkeit.
Der Psychiater erwachte mit trockenem Mund und nasser Stirn. Er musste dringend zur Praxis. Sich vergewissern, dass alles in Ordnung war. Unrasiert und halb angezogen fuhr er hin und sah bereits aus der Ferne den Rauch und die Lichter der Feuerwehrautos. «Vielleicht das Haus nebenan?», hoffte er bis zuletzt. Aber nein, es war sein Haus, genau genommen, das Stockwerk seiner Praxis. Alles stand in Flammen. Seine Notizen, seine Fallbeschreibungen, seine Fachbücher. Seine erlesene Seife mit dem Bergamotteduft, seine Ersatzbrille. Und die vielen, vielen Kanten seines Behandlungszimmers. Man fand nie heraus, wer das Feuer gelegt hatte. Nur die Kollegen stellten insgeheim Vermutungen, die sie natürlich nur im höchsten Vertrauen miteinander teilten.

Der Psychiater und die Kanten
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