Es war einmal ein nicht besonders fähiger Angestellter, der durch glückliche Umstände Karriere gemacht hatte. Mit geschicktem Networking hatte er eine leitende Position in seiner Firma erworben und stand einem Team von nicht besonders fähigen Leuten vor, welches dank der günstigen Wirtschaftslage bequem vor sich hindümpelte. Eines Tages jedoch änderte sich das. Die Wirtschaft wurde schwach, die Firma musste aufs Geld schauen und begann zu prüfen, wer was tat. Und da entdeckte man in einer stillen Beschäftigungsecke die bequeme Mannschaft, die wenig tat. Als Ergebnis wurde der Leiter wieder zum einfachen Angestellten degradiert und die nicht besonders fähigen Leute fanden sich mitten in Tätigkeiten und Aktivitäten, die ihnen nicht wirklich bekannt vorkamen. Das machte sich nicht gut bei ihnen. Man fühlte sich benachteiligt und unfair behandelt. Die Stille ihres bisherigen Lebens hatten sie immer als Zeichen ihrer Grossartigkeit gesehen. Und jetzt war plötzlich alles anders und keiner verstand warum.
Von ihren qualifizierten Qualitäten überzeugt, beschloss die bequeme Mannschaft zu kündigen und sich selbstständig zu machen. Wir gründen eine eigene Firma, sagten sie, und werden unsere Dienste teuer und prächtig verkaufen. Können tun wir alles. Wir können Karteikarten erstellen, wir können Bedienungsanleitungen lesen, wir können sogar das Internet anwählen. Und unser Leiter kann leiten! So gründeten sie die Firma «Neuland». Nach lebhaften Diskussionen änderten sie den Namen in «Neuland für alle», denn das entsprach besser dem Zeitgeist. Nun waren sie zufrieden, sassen in ihrem neuen Büro und freuten sich auf die kommende Arbeit.
Jeden Tag spitzte die bequeme Mannschaft die Bleistifte, prüfte die Telefonleitungen und hielt sich bereit für den Einsatz. Doch die Aufträge liessen auf sich warten. Als besonders wertvoller Kollege erwies sich in dieser Zeit Timo, der bärtige Optimist. Er zitierte Beispiele aus Filmen, die zeigten, wie in einer guten Geschichte immer zuerst Hindernisse und Prüfungen zu überstehen sind. Danach kam das verdiente Glück und alles war gut. Die Beispiele munterten die Mannschaft auf, man behielt die Hoffnung und wartete geduldig. Doch nichts änderte sich. Die Zeit verging, das Geld neigte sich dem Ende zu, die Mieten mussten bezahlt werden und man schaute bald auf den Leiter mit leichtem Misstrauen, denn es könnte vielleicht sein, dass er von Leiten doch keine Ahnung hatte.
Doch eines schönen Morgens kam der Leiter forschen Schrittes ins Büro und legte ein Zeitungsinserat auf den Tisch. Der Cruiser «Victoria» suchte eine Begleitequipe für seine Passagiere. Nein, nicht ganz für die Passagiere, denn das waren Menschen in ihren silbernen Jahren, die sich eine Fernreise gönnten. Häufig hatten sie aber ihre Enkelkinder dabei, und diese sollten nun beschäftigt werden, damit die Grosseltern ungestört Portwein trinken und Bridge spielen konnten. Das Inserat suchte «flexible Menschen, die Aufgaben mit Leichtigkeit angehen» und versprach alles: ferne Länder, Ozeanluft, Dienstkajüten. DAS ist unser Auftrag, sagte der Leiter bestimmt. Jaaaaa!, rief die bequeme Mannschaft aus voller Kehle.
Binnen Tagen waren die Koffer gepackt und die Kajüten auf dem Cruiser «Victoria» bezogen. Und was für Kajüten waren das! Geräumig, sonnendurchflutet, mit weichen Betten und polierten Spiegeln. Das Essen war ausgezeichnet. Langusten, Champagner, Torten und Pasteten standen Tag für Tag auf dem Tisch, wobei geachtet wurde, nicht mehrere Tage hintereinander Hummer zu servieren, der Mensch mag schliesslich Abwechslung. In ihrer reichlich bemessenen Freizeit konnte die bequeme Mannschaft im gepflegten Salon Kammermusik hören oder im Partysaal tanzen, bis ihnen die Füsse abfielen. Und im grossen Kinosaal schauten sie die Filme, die Timo, der bärtige Optimist, zitiert hatte. Und ja, es waren gute Geschichten, er hatte nicht gelogen. Gute Geschichten wie ihre eigene, darin waren sich alle einig.
Und seitdem segelt die bequeme Mannschaft um den Planeten und erfreut sich ihres verdienten beruflichen Erfolges. Sie trinkt Prosecco auf dem Deck, die Sonne leuchtet, die Wellen rauschen. Nur in leisen Nächten, in Nächten, in denen die See ganz ruhig ist, erscheinen ihnen seltsame Träume. Sie träumen von verglasten Fassaden und hupenden Autos, von eilenden Müttern und nassen Regenschirmen, von flüchtigen Grüssen unter welkenden Herbstblättern. Und das alles kommt ihnen irgendwie bekannt vor und auch wieder nicht. Und am nächsten Morgen liegt ein sanfter Schmerz auf ihren Herzen. Doch nur kurz. Nur ganz kurz.

Die bequeme Mannschaft
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© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten
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