Es war einmal eine Künstlerin namens Agatha. Sie malte Bilder im Grossformat, überklebte sie, kratzte daran, übersprayte sie und kratzte nochmals daran. Es entstanden Kunstwerke, die verunstaltet und schmutzig daherkamen, was ihnen eine «undurchdringliche Pertinenz» verlieh, wie die Kritik schrieb. Agatha war sehr erfolgreich, die Galerien überboten sich mit Aufmerksamkeiten, die Bilder verkauften sich teuer.
Eines Tages spazierte Agatha im Wald und entdeckte eine wunderschöne rote Blume. Sie riss sie samt den Wurzeln aus und legte sie in eine Blumenpresse, um sie später verdorrt auf eines ihrer Bilder zu applizieren und sie dann zu überkleben. Doch die Tage vergingen und die Blume trocknete nicht aus. Jeden Tag machte Agatha die Presse auf, nur um festzustellen, dass sich die Blume gleich wieder aufrichtete, frisch, rot und saftig wie am ersten Tag. Das machte Agatha unruhig. Sie konnte mit keinem ihrer Werke weitermachen, denn es kam ihr plötzlich vor, als würde sie die verdorrte Blume unbedingt brauchen, um überhaupt etwas Künstlerisches zustande zu bringen. Daher packte sie ihre Koffer und ging auf Reisen.
Viele Monate war Agatha unterwegs, in Afrika und in Asien, alle trockenen Länder zu der trockenen Jahreszeit besucht, Sonne und Wüstensand geatmet, den Kakteen beim Ausharren zugeschaut. Wenn lang genug Hitze und Wind ihrer eigenen Haut zusetzten, würde auch ihre Blume zu Hause vertrocknen und den künstlerischen Prozess wieder in Gang setzen, dachte sie und reiste weiter. Irgendwann schien es ihr, es sei nun Zeit für die Heimkehr und die Blume läge längst schmal und durchsichtig in der Presse.
Agatha stieg aus dem Taxi, zerrte ihre Koffer die Treppe hinauf und rannte ins Haus. In ihrer Abwesenheit hatte sich Staub angesammelt, die Jalousien klemmten. Mitten im Wohnzimmer stand die Blumenpresse, viereckig und stumm. Agatha machte sie entschlossen auf und schaute hinein. Und da war sie, die Blume. Geduldig und wider jede Erwartung frisch. Sobald die Presse geöffnet war, streckte sie ihre fleischigen Blätter in die Höhe und erstrahlte in ihrer prächtigen roten Farbe. Agatha hielt inne. War das schlecht? War das vielleicht gut? Könnte es sein, dass die Blume beharrlich am Leben blieb, nur um ihr etwas mitzuteilen? Erschöpft machte sie die Presse zu, ging ins Bett und träumte von den kleinen Tieren der Wüste, die in der erbarmungslosen Sonne lagen.
Als Agatha am nächsten Morgen aufwachte, dachte sie sofort an ihre Blume. Plötzlich hatte sie furchtbare Angst, dass sie in dieser letzten Nacht vertrocknet war. Obwohl sie so lange darauf gewartet hatte, fürchtete sie sich jetzt, die Presse zu öffnen und die schöne Pflanze darin leblos vorzufinden. Es war eine mondlose Nacht gewesen, die in einen sonnenlosen Tag überging. Taumelnd lief Agatha durch das Zimmer, öffnete die Blumenpresse und drehte mit tauben Fingern die Druckschrauben auf. Doch dann. Da war sie, die Blume! Frisch, rot und saftig wie am ersten Tag. Agatha nahm sie sanft heraus, stellte sie in eine Vase und goss frisches Wasser hinein. Binnen drei Tagen waren neue Wurzeln ausgeschlagen und Agatha pflanzte die Blume an die schönste Stelle vor ihrem Haus.
Wieso sich nach diesem Tag die Kunst Agathas so radikal geändert hatte, wussten weder Kritiker noch Galeristen zu erklären. Etwas war verloren gegangen, dieser bemerkenswerte «Mut zur Absage» war weg. Man mochte ihre Werke nicht mehr. Agatha hingegen, sie wusste, was sie tat. Jeden Morgen begrüsste sie ihre Blume, die rot und strahlend im Garten stand. Und ging malen.

Die Blume
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© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten
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