Es war einmal eine stille junge Frau auf Jobsuche. Sie fand eine Anzeige, die ihr passend erschien, und bewarb sich. Doch die Firma nahm sie nur vorübergehend auf, testete sie und befand, dass sie zu still sei. Man hatte dort die lauten Menschen lieber. Die stille junge Frau musste weitersuchen. Sie fand eine nächste Ausschreibung und dachte, ja, diesmal klappt es hoffentlich. Doch auch am anderen Ort wollte man sie nicht. Sie sei zu still, sprach man hinter verschlossener Tür und erteilte ihr eine Absage.
Die stille junge Frau war traurig. Etwas stimmte mit ihr nicht, doch niemand erklärte ihr, was es war. Gedankenverloren sass sie beim Fenster, im Garten flatterte der rote Ahorn mit seinen filigranen Blättern und dieser Anblick wirkte wohltuend. Da kam ihr eine Idee. Was wäre, wenn auch andere Menschen einen wohltuenden Anblick bräuchten? Und wenn der Ahorn auch ihnen Trost spenden würde? Sie dachte darüber nach, erstellte Zeichnungen und Notizen, und die Idee nahm Gestalt an. In einer Anzeige lud die junge Frau gestresste oder traurige Menschen ein, um ihrem Ahorn beim Spiel mit dem Wind zuzuschauen. Und die Menschen kamen. Sie betrachteten jedes einzelne Blatt. Jedes anders als die anderen, jedes in seinem satten Rot, jedes mit seinem wunderschönen eigenen Muster. Sie betrachteten die einzelnen Äste in ihrer Feinheit und staunten über deren Grosszügigkeit. Im Frühling liessen sie die zierlichen Blätter spriessen, im Herbst gaben sie sie frei, um im nächsten Frühling wieder neue zu gebären. Sie betrachteten den biegsamen Stamm, der Hitze und Wind standhielt. Sie dachten an die Wurzeln, tief unten in Dunkelheit und Stille. All das beruhigte sie und gab ihnen Zuversicht. Die junge Frau zeigte ihnen diese Schönheit und war nichts anderes als still.
Innert kurzer Zeit waren alle Termine ausgebucht. Unglückliche Menschen kamen in Scharen, verbrachten Zeit mit der stillen jungen Frau und ihrem Ahorn und gingen wieder beruhigt davon. Und nicht nur das. Viele kündigten die Jobs, die sie traurig und gestresst machten, und fanden etwas Besseres. Die Geschäfte der stillen jungen Frau liefen blendend. Freunde empfahlen ihr, einen zweiten Ahorn zu pflanzen und jemanden anzustellen, um noch mehr Kunden zu bedienen. Sie wollte aber nicht. So wie es war, war es gut.
Eines Tages las die Frau in der Zeitung, dass die beiden Firmen, bei denen sie sich beworben hatte, in Schwierigkeiten geraten waren. Anscheinend hatten sie so viele Angestellte verlassen, dass sie kaum noch existierten. Da dachte sie: «Ist vielleicht doch besser, dass es damals nicht klappte.» Sie lächelte still und hatte recht.

Die stille junge Frau
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