Meredith sprach zu jedem und jeder mit einer fordernden Stimme. Die R-Laute vibrierten wie Fabrikmaschinen, die Vokale stachen wie Insektenschwärme, die Konsonanten salutierten wie stramme Soldaten. Merediths Äusseres schien einem übergeordneten Motto zu folgen: Unvorteilhaft. Die Haare viel zu kurz, die Brillengläser viel zu dick, die ärmellosen Sportblusen viel zu eng, die viel zu kurzen Bermudas viel zu klobig. Aus allen Öffnungen ihrer Kleidung quellten massige Körperteile hervor und schwere Trekkingschuhe trugen sommers wie winters ihren unförmigen Körper durch die Räume. Und zu guter Letzt baumelte eine Kette aus dickem Bernstein an ihrem Hals und fragte sich vermutlich selbst, warum dieser in Sportklamotten gesteckte Körper auch noch Schmuck bedürfen sollte.
Meredith war mit einem Mann verheiratet, der sich genauso trug wie sie. Sporthosen, Multifunktionswesten und Wanderschuhe waren seine Kleidung, obwohl er einen Bürojob hatte und sich ausschliesslich in geschlossenen Gebäuden aufhielt. Die beiden schienen wie füreinander geschaffen. Doch eines Tages verliebte sich der Mann in eine andere und verliess Meredith. Nun, man könnte sagen, jeder Mensch sehnt sich nach Schönheit, das soll ihm gegönnt sein. Doch seine Wahl fiel nicht auf eine hübschere oder jüngere Frau, ganz und gar nicht. Seine neue Freundin war genauso grobschlächtig und garstig wie Meredith, sozusagen eine neue Edition des gleichen Werkes.
Meredith war nicht nett und nicht hübsch. Sie war aber auch nicht dumm. Ausgetauscht worden zu sein schmerzte, aber sie hätte es vertragen, wenn die Neue ein geblümtes Blondchen wäre, denn kein solches zu sein, war Merediths erklärtes Ziel. Ausgetauscht worden zu sein mit ihresgleichen, das liess sich nicht erklären und entsprechend nicht verschmerzen. Meredith fiel in eine tiefe Sinnkrise und musste zum Psychiater. Da dieser nicht helfen konnte, empfahl man ihr eine Hypnosetherapie. Der Hypnotiseur liess sie in einem gepolsterten Sessel Platz nehmen und erzählen. Danach würde er sie in einen Traumzustand versetzen, um nach ihrem wahren Wesen zu suchen. Menschen, die leiden, haben in der Regel ihr wahres Wesen nicht gefunden, erklärte er. Gesagt, getan, Meredith sprach auf die Hypnose sehr gut an, so sehr, dass sie sich davon fast nicht wieder lösen wollte. Als sie wieder zu sich kam, glaubte sie, sie sei eine Wölfin. Der Hypnotiseur war erschrocken, zunächst, weil das Jaulen so laut war, dann aber auch, weil seine Reputation unter diesem Vorfall leiden könnte.
In den nächsten Monaten lebte Meredith das Leben einer einsamen Wölfin. Sie durchstreifte die Strassen, versteckte sich im Park, nachts legte sie den Kopf in den Nacken und heulte zum Mond. Die Nachbarn kannten ihr Problem und liessen sie gewähren. Eine einsame Wölfin ist eine, die nach einem Partner sucht, sagten sie sich und hofften, dass Meredith auf die eine oder andere Art doch jemanden finden würde. Das geschah aber nicht. Eines Tages verirrte sich Meredith während ihrer Nachtwanderung, lief aus der Stadt hinaus und geriet tief in den Wald. Es war ein grosser Wald und darin lebten echte Wölfe, das wusste man. Aber auch einem echten Wolf begegnete Meredith nicht. Stattdessen lief sie immer weiter und weiter, die Äste hingen ihr ins Gesicht, Pflanzen knickten unter dem Druck ihrer schweren Schuhe, der Mond leuchtete, bis ihn der einbrechende Morgen bleicher werden liess. Auf der anderen Seite des Waldes war ein Zirkus stationiert. Und dort kam Meredith frühmorgens zerkratzt und hungrig an.
Der Zirkus nahm sie auf. Ihre Nummer hiess: Die Wolfsfrau. Das Publikum war begeistert, seitdem keine echten Tiere auf der Manege zugelassen sind, begnügt man sich mit jedem Ersatz. Der Zirkusdirektor mochte Merdeiths Art, sie erinnerte ihn an frühere Zeiten, als alles so viel einfacher gewesen war. Am meisten beeindruckte ihn, dass sie auch ausserhalb ihrer Nummer in der Rolle blieb, eine solche Professionalität war ihm bisher selten begegnet. Fast hätte er sich in sie verliebt. Aber dafür war sie doch zu hässlich.

Die Wolfsfrau
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