Dirk und der Schleim

Es war einmal ein Mann namens Dirk, dessen Beruf ihm peinlich war. Bei Nachfragen wich er immer aus. Dabei waren seine Dienste unentbehrlich und er erfüllte sie gewissenhaft, ja sogar hingebungsvoll. Mehrmals hatte ihm seine Organisation sogar die «Medaille des Monats» verliehen. Wenn er denn gezwungen war, eine Antwort zu geben, sagte er, dass er, ja, nun, also, es ist so, dass er, also, hm, das Internet, also eigentlich, hm, also, das Internet, … entschleime. Was?, war die gewohnte Reaktion. Dann musste Dirk erklären. Seitdem das Internet zu einem Ort geworden ist, an dem sich Menschen vermehrt beruflich treffen, bedarf es einer besonderen Pflege. Dirks Organisation kümmert sich darum. Die Menschen arbeiten «online», schalten ihre Kameras an, sprechen in ihre Bildschirme, haben «Treffen» und «Sitzungen» und «Versammlungen» und tun dabei alles, was sie auch in der normalen Welt so tun. Sie konferieren, sie debattieren, sie parlieren, sie explizieren, sie monieren, sie gratulieren. Und eben das ist das Problem. Verhandlungen hinterlassen Schweissflecken. Konflikte hinterlassen dunklen Staub. Klatsch hinterlässt farbige Sprenkel auf der obersten Oberschicht. Und… ja…wenn sich jemand bei seinen Kollegen oder seinen Vorgesetzten einschleimt, hinterlässt das… na ja…Schleim. All dies muss regelmässig gereinigt werden, ansonsten würde das Internet verstopfen und es ginge gar nichts mehr.

Dafür gibt es verschiedene Abteilungen. Am einfachsten hat es die Mannschaft «Klatsch» mit den farbigen Sprenkeln. Man muss diese nur mit einem weichen Tuch abreiben und sie verschwinden spurlos (allerdings erscheinen die Nächsten allzu bald wieder). «Staub» und «Schweiss», nun, dafür gibt es jeweils eigene Putzmittel, die mittlerweile sehr wirksam sind. Und das Nachpolieren geht ganz einfach. Aber, mein Gott, der Schleim! Schleim ist zäh und klebrig, er haftet überall und sickert bis in die unterste Unterschicht durch. Diese lässt sich nur mit den speziellen Scannern durchsuchen. Dann kommt die spezielle Spachtel zum Einsatz und am Schluss muss der spezielle Schleimsauger ran. Und immer bleibt etwas an den Händen kleben. Vor Feierabend muss man sie lange mit der Spezialseife waschen und nur das Spezialtuch kriegt den letzten Rest weg.

Und dann kam Dirk ins Erzählen. Neulich also, da hatte sich einer um eine Stelle beworben, die ihm den Aufstieg in der eigenen Firma versprach. Es hatte auch andere Kandidaten gegeben, interessierte und intelligente. Aber dieser, der kannte jeden Sauarsch in der Firma in- und auswendig. Er wusste, wer bei seinem Vorstellungsgespräch dabei sein würde (auch dieses natürlich «online»), und hatte seinen ganzen Auftritt aufs Schleimen ausgerichtet. Sie waren vorgewarnt, Dirk und seine Kollegen, sie waren schon während des Gesprächs vor Ort, um möglichst früh mit der Reinigung zu beginnen. Denn frischer Schleim lässt sich besser aufweichen und der Schleimsauger kriegt ihn bereits auf Stufe 3 weg, das spart Strom. Doch dann war es losgegangen und sie bereuten es, so früh erschienen zu sein. Der Schleim spritzte in alle Richtungen. Zuerst zum einen Abteilungsleiter, dann zum anderen, dann zum dritten, jedes ihrer Projekte wurde genannt, jede ihrer Parolen wurde zitiert, jedes Foto in der Präsentation zeigte sie in vorteilhafter Pose. Dirk und seine Kollegen mussten sich an das Internet anketten, um nicht vom Schleim in eine andere Besprechung gespült zu werden und dort auch noch dunklen Staub abzukriegen. Endlich war die Sache zu Ende und die Kommission war sich einig, dass alle anderen Kandidaten im Vergleich zu diesem einen nichts taugten. Man wünschte einander einen schönen Abend, drückte auf den Knopf «Verlassen» und verschwand. Und da standen sie, Dirk und seine Kollegen. Bis zu den Hüften im Schleim. Sie mussten eine Extra-Schicht einlegen, um alles aufzuweichen, abzukratzen und wegzusaugen. Doch danach! Wenn man das Ergebnis betrachtete! Dann war man stolz. Das Internet, wieder frisch, sauber und durchlässig. Da wusste man, dass es sich gelohnt hatte. Am nächsten Tag sah man die Gesichter, die einander «online» freundlich begrüssten, vom Vorabend erzählten, lachten, Ideen austauschten. Und man konnte nicht anders, als sie zu mögen. Trotz allem.

Darum, geneigte Leserschaft, bedenke. Wenn du morgens das Internet einschaltest und dich daran erfreust, wie geschmeidig dieses ist, so ist das nur, weil Dirk und seine Kollegen vorher am Werk waren. Versäume es nicht, ihnen einen Dank auszurichten und ein Lächeln in die (vielleicht noch ausgeschaltete) Kamera zu senden. Sie sehen es! Danach kannst du mit deinen Sachen loslegen. Aber… sei bloss vorsichtig mit dem Schleim.

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