Es war einmal eine junge Frau, die sich sehr viel Mühe gab. Sie hiess Dolores und hatte grosse braune Augen. Dolores sprach mit sanfter Stimme und meinte es immer gut. Sehr respektvoll hörte sie zu, wenn man ihr Hinweise und Tipps gab, und bedankte sich danach, dass man es ihr erklärt hatte. Mit hingebungsvoller Langsamkeit nickte sie und sagte «Es stimmt». Dabei liess sie in regelmässigen Abständen ein «Hm-hm» fallen, das erste Hm tief und das zweite etwas höher. Und so erklärte man weiter und sie hörte mit unermüdlichem Interesse zu. Dann bedankte sie sich, machte genauso weiter wie zuvor und gab sich sehr viel Mühe.
Dolores hatte ein wuscheliges Hündchen namens Dorian. Die Spaziergänge mit ihm waren ihr eine tägliche Quelle der Freude. Dorian hechelte mit der Zunge, schnüffelte an den Gänseblümchen, wedelte begeistert mit dem Schwanz und machte überhaupt alles, wie es sich für ein wuscheliges Hündchen gehört. Nur war Dorian kein Hündchen. Er war ein verzauberter Prinz, der darauf wartete, von seinem Fluch erlöst zu werden. Nach dem bösen Zauber, der ihn in ein Hündchen verwandelt hatte, wurde ihm aufgetragen, einen gutmütigen Menschen zu finden und Dolores war dafür die perfekte Besetzung. Dazu musste er noch Vertrauen lernen, das war seine grosse Aufgabe. Denn der Fluch hatte ihn erreicht, als er seinem jüngeren Bruder Jasper misstraut hatte. Ja gut, gleich nach seinem Verschwinden wurde Jasper zum neuen Kronprinzen ernannt und konnte keine zwei Tage warten, bis er seinen Platz einnahm. Dorian war aber dennoch bereit, seine Lektion zu absolvieren. Er übte sich täglich darin, geduldig zu sein und vertrauensvoll zu warten.
Dolores war passionierte Leserin und stöberte jeden Samstag ausgiebig in ihrer Lieblingsbuchhandlung. Und wie glücklich war Dorian, als er eines Tages dort ein Buch mit dem Titel «Befreiung von Zauber und bösem Fluch» erblickte. Er sprang in die Luft, lief aufgeregt hin und her und legte die Pfoten auf das Buch. Dolores schaute ihn an. So benahm sich ihr wuscheliges Hündchen sonst nie. Sie sagte ein paar strenge Worte, wobei auch die strengsten Worte bei ihr sanftmütig klangen, und wollte weitergehen. Doch Dorian zog an der Leine, überspannte den Riemen, warf sich auf das Buch und schaffte es, es umzukippen. Die Verkäuferin eilte heran und Dolores musste das Buch bezahlen und mitnehmen.
Am Abend kuschelte sich Dolores in ihrem Lesesessel ein und schmökerte im neuen Buch, wenn es schon mal da war… Dorian betrachtete sie angespannt. Sie begann zu lesen, hörte wieder auf, liess mehrere Seiten aus, vertiefte sich plötzlich, schaute sich die Illustrationen an, machte das Buch zu, um zu träumen, und öffnete es dann wieder. «Ist ja eigentlich ganz amüsant», murmelte sie. Dorian knurrte zufrieden. «Dorian», sprach Dolores belustigt, «hier steht, dass manchmal junge Prinzen in Haustiere verwandelt werden. Sie müssen dann jemanden finden, der sie erlöst.» Dorian trottete zu ihr und liess sein wuscheliges Fell streicheln. «Stell dir vor, Dorian, du wärest so ein verzauberter Prinz!», trällerte Dolores. «Hier steht sogar, was man tun muss, um den Fluch aufzulösen». Dorian rieb seinen Kopf an ihren Knien und schenkte ihr seinen schönsten Hundeblick. Unvermittelt legte Dolores das Buch ab. «Ah, ich bin so müde», gähnte sie. Dorian zog sich ans Ende des Zimmers zurück und starrte sie an. «Sie ist so dumm!», dachte er bei sich. «Sie ist so dumm, sie ist so dumm! Sie ist so entsetzlich dumm!». Dann holte er tief Luft und wiederholte das Mantra, das ihn seit dem bösen Zauber begleitete: «Vertrauen. Vertrauen. Vertrauen. Vertrauen.» «Hei, Dorian», rief Dolores wie nach einer plötzlichen Eingebung. «Komm, wir probieren es aus. Vielleicht bist du doch ein verzauberter Prinz!».
Dolores lachte ihr langsames Lachen und tänzelte in die Küche. Sie nahm Tellerchen und Löffel heraus und las halblaut, während sie damit hantierte: «Ein Glas Milch, eine blaue Schüssel, ja, habe ich, wo ist die blaue Schüssel schon wieder, ah, da ist sie, also blaue Schüssel, Milch, ein Löffel mit Blumenstiel, lustig, einen Löffel mit Blumenstiel hat nicht jeder, aber ich zufälligerweise schon, sieben Mal im Urzeigersinn umrühren…» Dorian beobachtete sie aus einiger Distanz. Er wagte es nicht, die kleinste Bewegung zu machen. Nicht Dolores ablenken, sie liess sich so leicht ablenken! Im Kopf wiederholte er sein Mantra «Vertrauen. Vertrauen. Vertrauen. Vertrauen.» Endlich war sie fertig und stellte die blaue Schüssel mit der erlösenden Milch auf den Boden. «Komm, Dorian, trink!», lud sie ihn ein. «Ich habe alles genau nach Rezept zubereitet». Kaum hatte sich Dorian in Bewegung gesetzt, geschah etwas Furchtbares. Ein schwarzer Kater schoss durch die Küche, stürzte sich auf den Zaubertrank und begann ihn zu lecken, als würde sein Leben davon abhängen. Dorian betrachtete ihn entsetzt. Was war das für ein hässlicher Kater? Woher kam er plötzlich? Und warum trank er die erlösende Milch? Bald hatte er alle Antworten auf einmal, denn vor ihm stand sein Bruder Jasper, dem Kater entsprungen. «Dolores!», rief Jasper mit exaltierter Stimme. «Ich bin ein Prinz und du hast mich gerettet!». Dolores schaute ihn an. Offensichtlich machte sie sich bereit zuzuhören, denn ihre braunen Augen nahmen den gewohnten geduldigen Ausdruck an. «Das ist meine Geschichte», begann Jasper. «Ich wurde von einer bösen Fee verzaubert, nachdem mein Bruder verschwunden war. Sie warf mir vor, ich hätte sein Verschwinden arrangiert.» «Hm-hm», sagte Dolores in ihrer unverkennbaren Art. «Lange habe ich auf die Erlösung gewartet, denn sie kann nur von einem lieben Menschen kommen». «Hm-hm». «Du bist ein lieber Mensch.» «Hm-hm.» «Komm mit mir, wir wollen heiraten. Ich bin der Kronprinz meines Königreichs. Den Hund können wir auf keinen Fall mitnehmen, aber das macht nichts. Da, wo ich herkomme, kannst du dir einen neuen aussuchen.» Dolores hörte ihm respektvoll zu, aber da sie Informationen etwas langsam verarbeitete, sagte sie nur: «Danke, dass du mir das erklärt hast.» Jasper starrte sie verdattert an. «Nun was? Kommst du mit?» «Nein, tut sie nicht!», rief Dorian, der plötzlich in voller Grösse neben seinem Bruder stand. Er wischte sich die letzten Tropfen Zaubermilch vom Bart. «Denn ICH bin der Kronprinz und bin jetzt auch entzaubert. Du hast nicht die ganze Milch ausgetrunken, Brüderchen! Und deine Intrigen gegen mich haben jetzt ein Ende!» Dolores schaute vom einen zum anderen hin und her. «Das ist mein jüngerer Bruder, Dolores», erklärte ihr Dorian. «Seitdem er auf der Welt ist, hadert er damit, dass er nicht die Nummer Eins ist. Er war derjenige, der mich verzaubern liess, um das Königreich an sich zu reissen, und so bin ich zu einem wuscheligen Hündchen geworden und zudem musste ich Vertrauen lernen.» «Hm-hm.» «ICH habe dich gefunden, Dolores, und ich habe meine Lektion gelernt, ich hatte immer Vertrauen in dich. Jasper wurde wohl auch verzaubert und ist mir gefolgt und jetzt versucht er, mich wieder auszutricksen.» «Danke, dass du mir das erklärt hast», sagte Dolores. «Kommst du mit MIR in mein Königreich, Dolores?», fragte Dorian. In seinem ursprünglichen Plan war das nicht enthalten, aber da Jasper es angeboten hatte, konnte er natürlich nicht anders. Wobei Jaspers Angebot hauptsächlich darauf hinzielte, ihn als Hund zurückzulassen, aber gut. Dolores wandte ihre sanften Augen zum einen, dann zum anderen, dachte nach und gab sich sehr viel Mühe. «Danke, dass ihr mir das erklärt habt», sagte sie schliesslich. Die beiden Prinzen standen da und warteten. «Aber ich will kein Königreich, ich will doch bloss ein wuscheliges Hündchen.» Dorian betrachtete sie liebevoll und ein wenig erleichtert. «Stimmt, Dolores», sagte er. «Du bist der richtige Mensch am richtigen Ort. Bleib wie du bist.»
Und so endete die Geschichte von Dolores und Dorian. Er kehrte als Kronprinz in sein Königreich zurück. Das Vertrauen hatte er zwar gelernt, übte es aber mit Vorsicht aus. Denn, das hatte er auch gelernt, Vertrauen ist gut, Vorsicht ist besser. Und Dolores kaufte sich ein neues Hündchen, eine wuschelige Hundedame namens Dorothee. Man sieht die beiden sonntags im Park spazieren und sie machen einen sehr zufriedenen Eindruck.

Dolores und Dorian
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