Es war einmal eine junge Frau, die weniger jung war, als man meinte. Aber dadurch, dass sie im Leben nirgends richtig angekommen war, wirkte ihr Alter undefinierbar. Sie hiess Eleonore und war weder gross noch klein, weder dick noch dünn. Wenn Eleonore vor Menschen sprechen musste, wurde sie richtig nervös. Sie musste aber vor Menschen sprechen, denn sie präsentierte die Projekte ihrer Firma an Sitzungen und fuhr zu Kunden. Wie sie in solche Aufgaben hineingerutscht war, konnte sie selbst nicht sagen, wie auch vieles, was ihre Person betraf. Doch so war es nun.
Eines Tages reiste Eleonore, um in einer entfernten Stadt von den Plänen ihres Chefs zu berichten. Eigene Pläne hatte Eleonore nicht. Der Zug hatte breite Fenster, sie schaute nach draussen, eine grüne Landschaft glitt vorbei, ab und zu sah man Flüsse. Die Flüsse führten schäumendes Wasser, denn zu dieser Jahreszeit schmolz der Schnee in den Bergen und die Bäche eilten den Hang hinunter. Dieses Wilde, Strömende fesselte Eleonore. Schau, wie alles fliesst, sagte sie sich. Im Tunnel wurde es dunkel und sie sah ihr eigenes Gesicht im Fenster. Wie starr!, staunte sie. Und ihre Gedanken bahnten sich einen ungewohnten Weg. Wie lange ist es her, dass ich irgendwo über meine Person berichtet habe, fragte sie sich. Und wie lange ist es her, dass ich nur zum Spass verreist bin? Ohne Präsentationsnotizen, ohne schwitzige Hände, ohne im Voraus zu wissen, dass der Chef trotzdem unzufrieden sein wird.
Und dann merkte Eleonore, dass sie unmöglich an ihrem Ziel aussteigen konnte. Vor langweiligen Wichtigtuern stehen und langweilige Dinge erzählen, das erschien ihr kaum bewältigbar. Es traf sich, dass der Zug nach Italien fuhr und Eleonore blieb einfach sitzen. Die Landschaft veränderte sich, ockerfarbene Häuser standen mitten im Feld, alles wurde breiter und sanfter, und flimmerte im warmen Licht. In Milano warf Eleonore ihre Präsentation in einen Abfalleimer, stopfte ihre Businessklamotten in einen Spendencontainer und besorgte sich sportliche Kleider. Als sie in den nächsten Zug einstieg, schrieb sie eine E-Mail an ihren Arzt mit der Bitte, sie für die ausstehende Kündigungsfrist krankzuschreiben. Und war plötzlich frei.
Der Computer lag bereits geöffnet auf Eleonores Knien. Aus einem Impuls heraus begann sie zu tippen: «Ich fahre durch Italien und notiere alles, was mir bemerkenswert und unterhaltsam erscheint.» Eleonore hielt inne. Dann las sie den Satz laut vor. Das Wort «unterhaltsam» schmolz wie Schokolade auf ihren Lippen.

Eleonore
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© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten
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