Fischers Fritze fischte keine frischen Fische, schon lange nicht mehr. Denn Fischers Fritze hatte diesen einen Satz erfunden, ebenjenen mit den frischen Fischen, und er hatte ihn in weiser Voraussicht patentiert und bekam schön die Tantiemen. Bei jeder Schauspielstunde, in jeder logopädischen Beratung, im Kindergarten und im Seniorenheim, überall, wo man mit dem Satz seine Artikulation übte, klingelten die Münzen in Fritzes Portemonnaie, und weil der Satz besser nützte, wenn man ihn mehrmals hintereinander wiederholte, häuften sich die Münzen zu Banknoten und Fritzes Bank hatte nichts dagegen. Vom vielen Geld kaufte sich Fritze eine prächtige Villa, liess im Untergeschoss einen Pool einbauen und gönnte sich viele Goldringe mit Diamanten. Denn Fritze liebte Gold und Diamanten.
Tag für Tag sass Fischers Fritze in seiner riesigen Villa mit Blick auf den See, mit den seltenen Orchideen und den exklusiven Fotobänden, die farblich zum Orientteppich passten. Er hielt die Hand mit den diamantenen Ringen in die Luft und bestaunte ihr Strahlen und Funkeln. Wie sich das Sonnenlicht in den Steinen brach und wie sich Regenbogenlichter über das Zimmer ergossen! Geblendet vom Strahlen vergass Fritze alles um sich herum. Er ass nichts, er trank nichts und er sprach nichts. Er sass bloss auf dem teuren Sofa, starrte auf seine Finger und wurde immer dünner und schwächer. An einem besseren Tag kam er aber kurz zu sich und rief: So geht das nicht weiter! Ich brauche Hilfe! Ich brauche Oscar Peterson!
Oscar Peterson konnte kein Klavier spielen, nein, er war nicht derjenige Oscar Peterson. Sein ganzes Leben musste er es erklären. Nein, er spiele kein Klavier, ganz sicher nicht, das wisse er selbst besser als irgendjemand, nein, er sei ein anthroposophischer Kräuterarzt. Und als solcher kam er zu Fritze. Oscar Peterson hatte eine Menge selbstgepflückte Blumen mitgebracht und kochte daraus eine bittere Brühe. «Diese Brühe sollst du trinken», sagte er zu Fritze, «und zwar sehr häufig, denn sonst nützt sie nichts. Du sollst also 17-mal am Vormittag trinken, 19-mal über Mittag und dann noch 21-mal über den restlichen Tag verteilt, bis zum Abend. Und dies sollst du während drei Wochen ununterbrochen tun, denn sonst nützt die Tinktur nichts.» Fischers Fritze tat wie geheissen. Er trank und zählte, am Vormittag, am Mittag, am Abend, er trank und zählte, und zählte und trank. Die Tinktur war verdammt bitter und nützte nichts. Und er musste so verdammt viel zählen. Nach zwei Wochen verlor er die Geduld, rief Oscar Peterson an und bat um eine Bestandsaufnahme. Oscar Peterson kam, schaute sich seine Pupillen an, untersuchte die Haut am Hinterkopf und fand, ja, die Tinktur hätte ihren Dienst getan. Fritze dürfe damit aufhören.
«Aber ich bin doch noch nicht gesund!», widersprach Fritze.
«Das habe ich auch nicht behauptet. Aber du brauchst keine bittere Tinktur mehr. Du brauchst frische Luft», belehrte ihn Oscar Peterson. «Am besten verbringst du ab jetzt Zeit am See. Gehe doch fischen, das wird dir guttun.»
Und so begann Fischers Fritze wieder frische Fische zu fischen. Und unter dem Strich war das eigentlich ganz OK.

Fischers Fritze und Oscar Peterson
Kommentare sind willkommen und werden nach Prüfung veröffentlicht.
© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten
Schlagwörter:
Schreiben Sie einen Kommentar