Es war einmal ein Chef namens Gerhardt. Gerhardt war schlank und grossgewachsen, in jedem Raum überragte er alle um mindestens einen Kopf. Zudem schrieb sich sein Vorname mit dt, was ihm ausserordentlich wichtig war. Als Chef war Gerhardt streng, aber gerecht. Meinte er zumindest. Seine Mitarbeitenden hielten ihn für streng und dazu noch dumm. Sie versuchten nach allen Kräften die laufenden Geschäfte vor ihm zu verbergen, denn es bestand immer Gefahr, dass er irgendwo dringenden Handlungsbedarf erkannte, den sonst keiner erkannte, und dann musste eiligst etwas unternommen werden, das nur für Gerhardt Sinn ergab. Entsprechend ging es der Firma nicht besonders gut, denn die Leute waren hauptsächlich damit beschäftigt, Gerhardts Streufeuer zu löschen.
Eines Tages reichte die Sekretärin von Gerhardt ihre Kündigung ein. Sie hielt es unter seiner strengen, aber gerechten Hand nicht mehr aus. Gerhardt war nicht traurig darüber, denn nun konnte er die Gelegenheit packen, um jemanden mit mehr Power und Dynamik zu engagieren, jemand, der endlich mit seiner vor Power und Dynamik strotzenden Person mithalten konnte. Er wollte keine fleissige Biene im Sekretariatszimmer. Er wollte «eine initiative Mitarbeiterin, die den Wunsch hat, sich ständig weiterzubilden». Und so fabrizierte er eine seltsame Ausschreibung, auf die sich nur wenige Personen bewarben. Zum Vorstellungsgespräch kamen drei etwas eigenartige Frauen, doch in einer von ihnen erkannte Gerhardt riesiges Potenzial. Sie hiess Hortensie, hatte ein Hebammen- und ein Bratschenstudium abgebrochen und war soeben von einem Düngerproduzenten entlassen worden, «da man ihren Unternehmungsgeist nicht geschätzt hatte», ein vielversprechendes Zeichen. Zudem war sie sehr klein. Wenn sie miteinander sprachen, konnte Gerhardt von weit oben auf sie herabschauen. Gleichzeitig waren ihm ihre Power und Dynamik gewiss, denn sie war offenbar viel herumgekommen.
Hortensie hatte in ihrem abwechslungsreichen Berufsleben eines gelernt: Was nach Arbeit aussah, konnte man als Arbeit verkaufen. Nun gut, zuletzt war das nicht so gut angekommen, doch jetzt erhielt sie eine neue Chance und entzündete schon am ersten Tag ein Feuerwerk aus Power und Dynamik. Als Erstes stellte sie die Möbel im Sekretariatszimmer um. Dann änderte sie das Archivsystem für die Dokumentation und schrieb sich gleich darauf für die Weiterbildung «Plakate kreieren mit InDesign» ein. Ab diesem Moment blühte eine neue Welt auf. Hortensie war zwar nur an wenigen Wochentagen da, da ihre Weiterbildungen recht viel Zeit beanspruchten, doch wenn sie da war, herrschte im Sekretariat stets reger Betrieb. Gerhardts Termine verwaltete sie gewissenhaft und ergänzte in seinem Kalender die geschäftlichen Treffen mit Einträgen für Atemübungen und Bewegungseinheiten. Bei Sitzungen schrieb sie Protokoll, führte aber eine neue Methode ein, die ihr erlaubte, gleichzeitig E-Mails zu beantworten. Gemäss dieser Methode war es nicht wichtig zu notieren, was gesagt und beschlossen wurde, es reichte, die allgemeine Stimmung festzuhalten. Die Namen der Kollegen konnte sie nicht im Kopf behalten, doch sie erfand eine Reihe von schmeichelhaften Kosenamen und wusste sich damit zu helfen. Gerhardt nahm Fortschritt und Entwicklung wahr, denn es änderte sich plötzlich viel, und er war von Hortensie sehr angetan. Auch die Kollegen waren von ihr angetan. Durch die vielen neuen Aktivitäten war ihr Chef derart verwirrt, dass er weder die Geschäfte im Blick behalten noch ihre Tätigkeit kontrollieren konnte. Und somit durften alle endlich ihre Arbeit verrichten.
So verging die Zeit und Gerhardt hatte das Gefühl, nie produktiver gewesen zu sein. Dank der guten Organisation von Hortensie hatte er jetzt sogar Zeit, Atemübungen zu machen oder mitten am Tag spazieren zu gehen. Das stand in seinem Kalender und er erledigte gewissenhaft alles, was im Kalender stand, jeder weiss, dass exakt dies einen guten Manager ausmacht. Dokumente fand er keine mehr, da sie an geänderten Orten abgelegt wurden, Beschlüsse konnte er nicht nachvollziehen, da die Protokolle nur etwas über die allgemeine Stimmung sagten. Es musste alles irgendwo zu finden sein, aber er wusste nicht wo und wollte Hortensie nicht mit störenden Fragen aufhalten. Denn es war nicht zu übersehen, wie betriebsam und nützlich sie war. In den Gängen hingen neue, von ihr gestaltete Plakate und dazwischen schritten zufriedene Menschen, die – wie es schien – alles im Griff hatten.
Und das hatten sie in der Tat. Die Geschäfte liefen endlich gut, die Stimmung war entspannt, die Kollegen trafen sich in einem Pausenzimmer, das Hortensie nach ihrer Weiterbildung «Innendekoration mit Pastellfarben» umgestaltet hatte, Sitzungen gab es keine mehr, da alles in der Kaffeepause geregelt wurde, Protokolle führte eh niemand mehr. Und alle waren sich einig: Gerhardts strenge, aber gerechte Hand lenkte die genau richtigen Hebel, nämlich keine. Und so sollte es bleiben.

Gerhardt und Hortensie
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© Marina Petkova · Alle Rechte vorbehalten
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