Karl-Ivo


Es war einmal ein Co-Working Space. Darin trafen sich ein Grafikdesigner, eine Schriftstellerin, ein Finanzcontroller, eine Keramikerin und ein Informatiker. Nico, der Designer, gestaltete Verpackungen für Milchprodukte, Leandra, die Schriftstellerin, schrieb Lokalkrimis, Samuel, der Controller, kümmerte sich um die Finanzen einer Zementfirma, Ramona, die Keramikerin, vermarktete ihre Vasen und Lorenzo, der Informatiker, arbeitete für eine Firma in Indonesien, von der er nicht genau wusste, was sie tat. Jeden Montag trudelten die fünf ins Co-Working Space, jeder setzte sich an seinen Stammplatz, machte den Laptop auf, schob die Noise-Canceling-Kopfhörer zurecht und warf sich in die Tasten. Das unausgesprochene Highlight der Woche war der Donnerstagabend, der letzte gemeinsame Arbeitstag. Da gingen alle fünf in die nah gelegene Bar «Brazil», um ein Feierabendbier zu trinken. Sie kannten einander schon eine Weile und verfolgten gerne gegenseitig die Höhen und Tiefen des Lebens. Der Grafikpreis von Nico für den teilentrahmten Joghurt, die Scheidung von Leandra vom faulen Illustrator, das Farbmalheur von Ramona mit den weinroten Vasen, die Bergferien von Lorenzo am Geheimtipp-Ort, der sich als nicht ganz so geheim herausgestellt hatte. Alles wurde erzählt und geteilt. Sie mochten einander sehr und freuten sich jede Woche auf die gemeinsame Stunde.

Eines Tages erreichte sie der Brief des Vermieters, wonach im Co-Working Space ein zusätzlicher Arbeitsplatz eingerichtet würde. Man wolle etwas mehr aus dem Raum herausholen. Empörung machte sich unter der Fünfer-Gruppe breit. Für das gleiche Geld sollten sie also weniger Platz haben und mehr Lärm erdulden? Bald mischte sich aber auch Sorge darin. Denn wer weiss, was der Neue tat und wie er sich benahm? Als er am nächsten Montag erschien, drehten sich alle Köpfe gleichzeitig zur Tür und musterten ihn misstrauisch. Doch wie mussten sie staunen! Da stand ein so prächtiger Kerl vor ihnen, dass man ihn mit den Augen verschlingen musste. Grossgewachsen, durchtrainiert, mit schön geformten veilchenblauen Augen, mit langen braunen Locken, mit einem wunderhübschen freundlichen Gesicht begrüsste sie Karl-Ivo fast schüchtern, lief durch den Raum, setzte sich ohne zu murren an den unattraktiven Arbeitsplatz, den man ihm überlassen hatte, und nahm seine Arbeit auf. Nie hatte man jemanden leiser tippen gehört, nie hatte sich jemand stiller, unaufdringlicher, rücksichtsvoller durch den Raum bewegt, nie hatte jemand netter und bescheidener gelächelt. Eiligst wurde Karl-Ivo in die Herzen geschlossen und die Zuneigung wuchs von Tag zu Tag. Durch dezentes Nachfragen erfuhr er, welche Probleme jeder der Gruppe hatte und fand für jeden eine Lösung. Für Nico, den Designer, programmierte er eine App, die ihm eine schnelle Übersicht aller Milchprodukte ermöglichte. So konnte er die bereits entworfenen Verpackungen rasch überblicken und würde keine Ideen wiederholen. Leandra, der Schriftstellerin, besorgte er Zugriff auf eine elektronische Datensammlung echter Kriminalfälle. Daraus konnte sie jahrelang Stoff für ihre Lokalkrimis schöpfen. Samuel, dem Controller, zeigte er ein paar Shortcuts, mit denen er bei seinen Tabellen viel Zeit sparte. Für Ramona, der Keramikerin, erstellte er einen elektronischen Farbkatalog, sodass keine Verwechslung mehr zwischen Violett und Weinrot passieren konnte. Und Lorenzo, dem Informatiker, half er herauszufinden, dass seine indonesische Firma Ladekabel für E-Autos herstellte, womit die unausgesprochene Befürchtung, es könne sich um eine Drehscheibe der asiatischen Mafia handeln, endlich entkräftet war. Selbstverständlich nahmen sie Karl-Ivo auch an den Donnerstagstreffen mit. Und auch da erwies er sich als die angenehmste Gesellschaft, er hatte nie das Bedürfnis, über sich selbst zu palavern, sondern hörte den anderen mit unerschöpflichem Interesse zu. Einen so kultivierten, sympathischen, höflichen und hübschen Mann hatte man noch nie gesehen.

Doch die schöne Zeit mit Karl-Ivo endete so abrupt, wie sie begonnen hatte. Eines Tages erschien er nicht zur gewohnten Zeit im Co-Working Space und blieb danach für immer weg. Er hatte sich nicht einmal verabschiedet. Die Gemeinschaft merkte, dass sie fast nichts über ihn wusste, sie hatten ihn nie nach seine Telefonnummer gefragt, wussten nicht, wo er wohnte, kannten keine Freunde oder Verwandte von ihm. Ihnen war nicht einmal bekannt, was er genau arbeitete. Etwas mit Computern und Programmieren hatte er gesagt. Tja, da war er nicht der einzige. Internetrecherchen halfen auch nicht weiter. Karl-Ivos gab es einige, aber jeder Treffer führte zum falschen Karl-Ivo, ihr geliebter Karl-Ivo war wie vom Erdboden verschluckt. Natürlich riefen sie den Vermieter an, aber auch er war ahnungslos. Es war eine Vermittlungsfirma gewesen, die den Platz für Karl-Ivo bestellt hatte. Wenigstens konnten sie mit ihm aushandeln, den sechsten Arbeitsplatz nicht wieder zu vermieten, bald waren Arbeitstisch und Stuhl weggeräumt und äusserlich erinnerte nichts mehr an ihren ehemaligen Gefährten. Innerlich aber trauerten sie ihm alle nach, jeder auf seine eigene Weise. Ramona widmete ihm eine violette Vasenserie, Nico flechtete seine Initialen in die neueste Quarkverpackung ein, Samuel dachte bei jedem Shortcut an seine Ratschläge und Lorenzo lächelte bei jedem E-Auto, das er auf der Strasse sah. Nur Leandra, ach, Leandra hatte ein wenig ihr Herz an ihn verloren. Sie dachte nicht nur an ihn: Sie sah ihn immer wieder in anderen, wenn sie durch die Stadt lief! Seinen veilchenblauen Augen begegnete sie im Bus, seine wunderbar weichen Haare erblickte sie vor einem Kiosk, seinen Gang, geschmeidig und jugendlich, beobachtete sie vor dem Eingang einer Bank. Er war überall! Und doch nirgends…

Eines Tages, es war ein sonniger Herbsttag, blieben zwei Herren in Anzug und Krawatte vor dem Co-Working Space.
«Ist nicht hier der Ort, an dem ihr Karl-Ivo getestet habt?», fragte der eine.
«Doch, genau hier», antwortete der andere.
«Wie lange habt ihr ihn hier laufen lassen, mehrere Monate?», fragte der erste.
«Ja, fast ein halbes Jahr», bestätigte der andere und fügte hinzu, «er hat sich extrem gut gemacht, unser Prototyp, besser als alle Erwartungen!»
Die beiden lachten zufrieden.
«Wie kommt ihr eigentlich mit der Serienproduktion voran?», fragte der erste Herr erneut.
«Oh, hervorragend! Wir haben nun an die zweihundert Stück produziert, in verschiedenen Varianten, sie bestehen alle Tests», berichtete der zweite ein wenig selbstgefällig und ergänzte: «Gestern erhielten wir den Bericht von der Bank, wo Nummer 156 arbeitet, sie sind sehr zufrieden mit ihm. Niemand merkt etwas!»
Die beiden Herren setzten sich wieder in Bewegung. Drinnen klapperten die Tastaturen und rauchten die Köpfe, die fünf Freunde waren in ihrer Arbeit vertieft. Lorenzo überprüfte das Budget des nächsten Vierteljahres, Leandra überarbeitete den Dialog zwischen dem Kommissar und einem angeblich unnützen Zeugen, Ramona notierte die Bestellung einer Vasenserie. Nico hielt den neu entworfenen Quarkbecher in die Luft. Er betrachtete das Bild, auf dem die Initialen von Karl-Ivo dezent mit dem Blumenarrangement verwoben waren, ein straff gezogenes, längliches, bestimmt-kantiges K und ein dezent umwundenes, feines, fast zögerlich zartes I weiter unten.
«Sehr, sehr gut gelungen», dachte er zufrieden, «würdig des nächsten Designpreises.» Und dann geriet ins Träumen: «Verdient hätte ich ihn allemal!..»

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