Lukas Müller verbrachte seine Tage mit einer Tätigkeit, die er «unverzichtbares Networking» nannte. Diese Tätigkeit verrichtete er auf seinem Smartphone. Sie bestand aus der gründlichen Lektüre der Beiträge seiner Kollegen auf LinkedIn und die grosszügige Verteilung von Likes und Kommentaren. Darüber informiert zu sein, wie sich seine Kollegen über den Zustand der Welt ausliessen, war unverzichtbar. Noch wichtiger war aber, sie wissen zu lassen, dass er dies tat. Auf das Nörgeln seiner Frau, sie sehe ihn nur noch mit dem Smartphone vor der Nase, antwortete er gravitätisch: «Das ist wichtig für meine Karriere». Und er behielt Recht. Die Kollegen schätzten seine gut überlegten und sorgfältig formulierten Kommentare und behielten ihn in Erinnerung. Wenn es um eine Empfehlung ging, sagten sie, ah ja, den Lukas Müller, den kenne ich, ein guter Typ. Es öffneten sich Türen und Lukas Müller spazierte dadurch in der Überzeugung, dass er sich jede Stufe auf der Karriereleiter mit Kompetenz und Beharrlichkeit verdient hatte. Manchmal aber erwischte er seine Frau, wie sie ihn mit einem Blick betrachtete, in dem keine Liebe war. Das war unangenehm und er gelangte zur Überzeugung, dass sie eine Affaire hatte.
In diesem Jahr gab es eine grosse Hitzewelle. Die Baumkronen schrumpften, das Gras wurde gelb, der Strassenbelag glühte und die Klimaanlagen liefen auf Höchststufe. Dann ergab es sich, dass irgendwo ein Kabel überhitzte, irgendwo eine Sicherung versagte, eine Kettenreaktion in Gang kam und das Ganze endete in einem Stromausfall. Gleichzeitig hatte es Lukas Müller gerade an diesem Tag versäumt, sein Smartphone aufzuladen. Und so sass er beim «unverzichtbaren Networken», als das Wesen in seiner Hand einen Piepton von sich gab und erlosch. Sofort steckte Lukas Müller das Ladekabel ein, doch es tat sich nichts. Kein Blinken, kein Vibrieren. Was passierte? Eine vage Erinnerung drang in sein Bewusstsein. Hatte nicht vorhin seine Frau so etwas gerufen wie «Lukas, Stromausfall» und dann unerklärlicherweise etwas mit «Kühlschrank, gehe Eiswürfel holen»? Stromausfall. Das bedeutete, dass er sein Smartphone nicht aufladen konnte. Grosser Ärger stieg in ihm auf. Das tote Display war so schwarz, dass es einem Angst einjagte. Ärger und Angst vermischten sich, Wut kam hinzu und Lukas merkte, dass ihm das Atmen schwerfiel. Er rannte durch die Wohnung in der Hoffnung, irgendwo eine aufgeladene Powerbank zu finden. Aber je länger er suchte und nichts fand, umso mehr überfielen ihn Verzweiflung und Rage, umso stärker zitterten seine Hände, umso härter hämmerte sein Herz, und eine noch nie dagewesene Panik begann sich seiner zu bemächtigen. Und dann sah er ihn. Der Mann versteckte sich hinter dem Vorhang im Schlafzimmer. Der Mann, mit dem seine Frau schlief, das wusste Lukas sofort. Der Kerl besass offenbar sogar die Dreistheit, im Haus auf sie zu warten. «Komm heraus!», rief Lukas, aber der Mann tat genau das Gegenteil. Blitzschnell kroch er unter das Bett und kam auf der anderen Seite heraus, und als wäre das nicht genug, hielt er ein grosses Messer in der Hand. Es gab keine Zeit zu verlieren, Lukas schnappte sich das Nachttischchen und warf es nach ihm. Der Mann fiel zu Boden, das Messer glitt ihm aus der Hand, aber zu Lukas Entsetzen sprang die Tür des Kleiderschranks auf und ein anderer Bursche kam heraus. Ein zweiter Liebhaber also! Dieser griff nach dem Messer und stürmte nach vorne. Lukas war ebenfalls schnell, er nahm die gusseiserne Stehlampe und schwang sie durch das Zimmer. Die Lampe zertrümmerte den Kleiderschrank, brach einem Stuhl die Lehne, riss die Vorhänge aus der Stange, tat aber ihre Wirkung. Verängstigt versuchte der zweite Mann wegzurennen. Doch Lukas gab sich nicht geschlagen. Er verfolgte den Mann durch die Wohnung und wedelte schreiend mit der Lampe. Dabei zerschmetterte er einen Spiegel und machte tiefe Spuren in die Wände, denn der andere Mann war ebenfalls wieder da, lief hinter ihm her und Lukas musste sich in alle Richtungen verteidigen. Der Kampf zog sich in die Länge, alle drei rannten ins Bad, dort riss Lukas in seiner Not das Badschränklein aus der Wand, Tuben und Flaschen fielen herunter, der Boden war verschmiert mit Creme und Zahnpasta, Lukas rutschte aus, doch zum Glück ergriff der eine Mann die Flucht, und der zweite versteckte sich wohl irgendwo in sicherer Distanz… Dann hörte Lukas endlich die ankommenden Sirenen. Gerettet! Erschöpft machte er die Augen zu und öffnete sie erst wieder, als die Hüter der Ordnung ins Zimmer kamen. Zu seinem Erstaunen standen aber keine Polizisten da. Er blickte in die Gesichter zweier Sanitäter, die ihn sanft, aber bestimmt vom Boden hoben und nach draussen trugen. «Die Männer! Nehmen Sie die Männer fest!», schrie Lukas Müller und versuchte sich loszureissen, doch die Sanitäter erwiesen sich als erstaunlich stark. «Die Männer, die Liebhaber meiner Frau, sie haben mich angegriffen! Sind Sie verrückt! Wohin tragen Sie mich! Nehmen Sie die Männer fest». «Ja, ja, wir kümmern uns um die Männer», sagte der eine Sanitäter ruhig und machte die Ambulanztür zu.
Die Frau von Lukas Müller schaute der abfahrenden Ambulanz nach, dann ging sie ins zerstörte Haus. Ihr Blick streifte die herumliegenden Möbelfetzen und betrachtete die tiefen Krater in den Wänden. Das Ganze liess sie seltsam unberührt. Dann ging sie ins Büro von Lukas, das fast unversehrt geblieben war. Dort lag, sorgfältig abgelegt, das Smartphone. Das rote Lämpchen blinkte. Der Strom war wieder da.

Lukas Müller und die Männer
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