Renate und die Falken

Remo hatte die Falken gekauft, einen nach dem anderen, zehn Stück. Jeder Falke hatte einen eigenen Namen, einen eigenen Schlafplatz, ein eigenes Lieblingsessen. Verwöhnt hatte sie Remo, zehn verwöhnte Falken. Und mittendrin Renate. Sie hasste die Falken schon an dem Tag, als sie Remo kennenlernte, aber je näher sie einander standen, umso grösser wurde ihr Hass. Solche Stolpersteine gibt es in jeder Beziehung, sagte sie zu sich, sie lassen sich beseitigen. Nach der Heirat versuchte sie, die Falken loszuwerden, sie erklärte, sie schmeichelte, sie drohte. Aber Remo liess sich nicht erweichen. Und so blieben die Tiere und wurden zum Mittelpunkt aller Streitereien in der Ehe. Remo und Renate fuhren nie in die Ferien, denn jemand musste sich um die Falken kümmern, sie machten keine Ausflüge, denn die Falken brauchten mehrmals pro Tag ihr Futter, sie luden keine Gäste ein, denn bei Unbekannten konnten die Tiere unruhig werden und das, mein Gott, das wollen wir sicher nicht. So lebten die beiden mit ihren Falken abgeschieden und stritten vom Morgen bis zum Abend.

In jenem Jahr kam der Wintereinbruch früh und läutete einen ausserordentlich harten Winter ein. Die Temperaturen sanken, die Sonne verschwand, der Wind blies, die Felder trockneten aus und die Erde wurde von einer weisslichen Schicht bedeckt, die weder Schnee noch Reif war, sondern pure Kälte. Die Falken könnten ihr gemütliches Leben weiterleben. Essen nach Präferenzen, gereinigte Schlafplätze, gewärmte Volieren. Aber sie wurden unruhig. Die eisige Kälte machte ihnen zu schaffen, denn sie bedeutete in ihrer Sprache Mangel und Unsicherheit. Die seit Jahrtausenden vertraute Stimme der Natur sprach in ihren Gehirnen: Bei solcher Kälte muss man weiterziehen, die Futterplätze ausweiten, nicht dem stahlharten Winterboden ausgeliefert sein. Und so flogen eines Tages alle zehn Falken davon und kamen nie mehr zurück.

Renate hatte auf unerwartete Weise ihr Ziel erreicht. Aber sie war nicht glücklich. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie sich an die Falken und den von ihnen vorgegebenen Lebensstil gewöhnt hatte. Sie vermisste den Rhythmus ihrer Fütterung, die Aufteilung der Tage rund um ihre Bedürfnisse, überhaupt die klare Struktur ihres bisherigen Lebens. Anders Remo. Wie aus dem Gefängnis entlassen wirkte er. Er wollte ständig Dinge unternehmen, in die Stadt fahren, Konzerte besuchen, in Bars abhängen. Renate ging nicht mit. Sie blieb zu Hause und sass auf dem Sofa. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr zu Ohren kam, Remo hätte sich auf seine Wandertouren durch das Nachtleben in irgendeine Madeleine verguckt. Anscheinend war diese Madeleine ein Freigeist, hübsch, aber kühl, und immer auf der Suche nach der nächsten männlichen Beute. Sie hatte Remo in einer Bar erblickt und sich sofort auf ihn gestürzt, hatte ihn mit ihren rotlackierten Krallen gepackt und wollte vermutlich mit ihm davonfliegen.

Mehrere Wochen vergingen. Als Remo nach einer besonders langen Nacht nach Hause kam, hörte er ein vertrautes Flattern aus der Falkenvoliere. Angetrunkenen Schrittes torkelte er hin, um festzustellen, dass zehn neue Falken die frisch aufgeräumte Stätte bewohnten. Sicher ein Trunkenheitstraum, dachte Remo und legte sich ins Bett. Doch als er aufstand, fand er Renate vor, wie sie die Falken fütterte und Wasser in die Trinkschalen nachgoss. Immer noch ungläubig betrat Remo die Voliere, ging von Falken zu Falken, studierte die Muster des Gefieders, streifte den Schutzhandschuh über und zog ihn wieder aus. Renate stand noch eine Weile an der Tür, beobachtete ihn und lächelte. Dann ging sie zurück ins Haus. Vor lauter Verwirrung hörte Remo die Motorgeräusche des Autos nicht. Erst später, er hatte die Zeit ganz vergessen, erst viel später entdeckte er den leeren Kleiderschrank, die fehlenden Schuhschachteln, das geräumte Badezimmerkästchen. Und den Umschlag mit den Scheidungspapieren auf dem Küchentisch.

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